Geschichte der
Buchstadt Leipzig
Ein Überblick
von Volker Titel
Der Text ist vollständig und illustriert enthalten in: Der Leizpiger Gutenbergweg. Geschichte und Topographie einer Buchstadt
Sucht man nach den ersten Spuren einer Verbindung von Leipzig mit Büchern, so wird zunächst die Frage erheblich, was denn überhaupt ein Buch" sei. Als Speichermedium schriftlicher und bildlicher Darstellungen verstanden(1) war es bereits seit dem Altertum in Form etwa von Tontafeln und Papyrusrollen Bestandteil menschlicher Kommunikation. Eine engere und gemeinhin üblichere Definition sieht das Buch als Anzahl zu einem Ganzen verbundener Blätter oder Bogen".(2) Noch in der Antike entstand mit dem Kodex" eine Buchform, die der heutigen recht nahe kommt: Man konnte darin blättern, und der entscheidende Vorteil gegenüber der Rolle war die bessere Handlichkeit sowie, daraus resultierend, der Nachschlagekomfort. Bevorzugter Beschreibstoff war bis ins 14. Jahrhundert hinein Pergament, erst dann wurde sukzessive Papier zum materiellen Kern des Buches. Mit häufig beeindruckender Kunstfertigkeit wurden Text und Bild in mühevoller Einzelarbeit zu Handschriften" komponiert. Schon früh gab es Versuche, das Schreiben bzw. Zeichnen per Hand durch Druckverfahren zu ergänzen. Recht verbreitet war der sogenannte Blockdruck", bei dem Abbildungen und kurze Texte mittels einer Holztafel auf das Papier gerieben bzw. gepreßt wurden. Von Nachteil blieb jedoch weiterhin, daß jede Drucktafel, die sich zudem schnell abnutzte, als Ganzes hergestellt werden mußte. Die Mitte des 15. Jahrhunderts gefundene Lösung des Problems bestand darin, jeden Buchstaben des Alphabets einzeln durch Bleiguß in großer Zahl zu fertigen, um aus dem so entstandenen Reservoir von Typen" die jeweiligen Druckvorlagen zu setzen" und nach deren Schwärzung die entstanden Seiten auf die Papierbogen zu pressen. Mit dieser Erfindung Gutenbergs in Mainz um das Jahr 1440 begann das Zeitalter des massenhaft reproduzierbaren Buches, jenes eigentlichen" Buches, auf das sich die Traditionsbildung auch der Stadt Leipzig zumeist bezieht.
Erste Nachweise der Bücherherstellung in Leipzig gibt es für das 13. Jahrhundert. Nachdem hier das Augustiner Chorherren Stift zu St. Thomas und wenig später am Grimmaischen Tor ein Dominkanerkloster entstanden waren, widmeten sich deren Ordensbrüder eifrig dem Abschreiben ihrer umfangreichen Literatur".(3) Mit der Biblia Latina vulgata" zeugt eine in der Universitätsbibliothek Leipzig erhaltene Pergamenthandschrift aus dem 13. Jahrhundert von der frühen Bücherproduktion in der Stadt an der Pleiße. Die folgenden Jahrhunderte brachten einen gesteigerten Bedarf an Büchern - nicht zuletzt die Gründung der Universität im Jahre 1409 hat die Zahl der potentiellen Buchkäufer spürbar erhöht. Ob sich in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts in Leipzig auch weltliche Schreibwerkstätten zur Deckung dieser Nachfrage gebildet haben, ist nicht nachzuweisen. Sicher scheint jedoch, daß der Buchhandel keineswegs erst ein Folgeproduct der Erfindung der Buchdruckerkunst gewesen sei, vielmehr zunächst nur mit verhundert- und vertausendfachter Wirkensfähigkeit einfach in den Geleisen weitergewandelt sei, welche der Handel mit Handschriften und mit handschriftlicher Klein-Literatur bereits längst vorgezeichnet hat."(4) Ähnliches gilt für die Buchbinderei. Für deren Tätigkeit war der Übergang vom geschriebenen zum gedruckten Buch vorläufig keine epochale Zäsur. Gelehrten-, Rats- oder Geschäftsbücher wurden zumeist mit hölzernen Buchdeckeln versehen, gebunden und mit mehr oder weniger wertvollem Leder überzogen. An dieser Praxis änderte sich auch nach der Gutenberg-Erfindung nur wenig. Der früheste belegbare Leipziger Buchbinder trug seinen Namen vom Handwerk, das er betrieb: Heinrich Buchbinder. Das älteste Leipziger Schöffenbuch erwähnt ihn und seine Frau, die am 12. Januar 1440 ihr Testament, das ein durchaus ansehnliches Vermögen betraf, bestätigen ließen.(5)
Wann aber etablierte sich in Leipzig das Buchdruckerhandwerk? Diesbezügliche archivalische Hinweise sind weitgehend in Nebel gehüllt."(6) Die Forschung ging bislang weitgehend einheitlich davon aus, daß zwischen der Einführung des Buchdrucks in Mainz und der Errichtung einer Druckerei in Leipzig etwa vier Jahrzehnte vergingen. In der Traditionsstiftung der Buchstadt Leipzig ergeben dabei zwei Jahreszahlen die wesentlichen Bezugspunkte: 1479 und 1481. Als frühester datierter Druck hat sich die Glossa super apocalypsim", eine prophetische Schrift des italienischen Dominikaners Johannes Annius erhalten. Er stammt aus der vermutlich ein Jahr zuvor gegründeten Offizin von Marcus Brandis.(7) Zwar trägt dieses Buch weder Signet noch Namen des Druckers, ein typographischer Vergleich mit späteren Arbeiten von Brandis lassen die Zuordnung dennoch zweifelsfrei zu. Der aus Delitzsch stammende Brandis hatte von 1474 bis 1476 an der Universität Leipzig studiert, danach bei seinem Bruder in Lübeck den Buchdruck erlernt und - gewissermaßen auf dem Weg zurück nach Leipzig - zunächst in Merseburg eine eigene Druckerei errichtet.
Während das Jahr des ersten nachweisbaren Druckes in den meisten Darstellungen zur Buchgeschichte als Beginn der Frühdruckzeit in Leipzig angesehen wird,(8) vermuten andere Autoren die Einführung des Buchdruckes bereits 1479. In diesem Jahr wurde Andreas Frisner als Professor der Theologie nach Leipzig berufen. Zuvor hatte der aus Wunsidel im Fichtelgebirge stammende Frisner in Nürnberg eine Druckerei betrieben, von der man annehmen könne, daß er sie in seiner neuen Heimatstadt weiterführte.(9) Belege für die tatsächliche Existenz einer Frisnerschen Druckerei gibt es jedoch nicht. Ausdrücklich bezweifelt wird die These von Frisner als erstem Leipziger Drucker in den Überlegungen Gustav Wustmanns zu den Anfängen des Leipziger Bücherwesens.(10) Am Jahr 1479 als das früheste nachweisbare für hiesigen Buchdruck hält Wustmann jedoch fest, da sich in den überlieferten Stadtkassenrechnungen ein bemerkenswerter Eintrag findet: Unter jenen Einwohnern, die im noch Dezember 1479 als mit dem Wächtergeld" der Stadt in Rückstand liegend verzeichnet wurden, war auch ein Lang Nickel, puchtrucker".(11) Da aber besagter Nickel nur ein geringes Wächtergeld entrichtete, scheint es wahrscheinlich, daß er nicht selbst Besitzer einer Druckerei, sondern lediglich dessen Geselle war. Um welche Offizin es sich handeln könnte, muß allerdings offen bleiben.
Daß der Buchdruck aber nicht erst 1481 oder 1479, sondern schon Mitte der 60er Jahre in Leipzig ausgeübt wurde, darauf deutet ein bislang nicht beachteter Eintrag im Leipziger Ratsbuch aus dem Jahre 1468, in dem ein Heinrich Heylemann, buchdrucker" erwähnt wird.(12) Weitere Einträge in Steuer- und Schöffenbüchern der Stadt zeigen, daß Heylemann (zum Teil Heinrich Drucker" genannt) ein Haus an der Nikolaistraße bewohnte und dieses noch bis mindestens Anfang der 70er Jahre in Besitz hatte, er also offenbar Bürger und damit seßhafter" Buchdrucker gewesen ist. Welcher Art die Bücher waren, die die Presse Heylemanns verließen, darüber war allerdings nichts zu ermitteln. Denkbar sind Aufträge der Kirche, der Stadtverwaltung, aber auch - wie in anderen Universitätsstädten im 15. Jahrhundert - Kleindrucke im Quartformat, die den Zwecken des Universitätsunterrichts dienen sollten"(13); jedenfalls wohl eine Gebrauchsdruckerei", die sich mit dem Alltagsbedarf an gängiger Buchware begnügte."(14)
Trotz dieser neuen Erkenntnis über den möglichen
Beginn Leipziger Buchdrucks bleibt der Befund gültig, wonach die Handelsstadt an der Pleiße
nicht zu den ersten großen Zentren der Buchherstellung gehörte. Mainz, Venedig,
Straßburg, Köln, Augsburg, Basel - dies waren die Hochburgen des frühen Buchdrucks.
Erst in den letzten eineinhalb Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts traten auch in Leipzig Offizinen
von größerer Bedeutung in Erscheinung. Knapp ein Dutzend Leipziger Buchdrucker lassen
sich für die Zeit vor 1500 nachweisen; am bekanntesten wurde Konrad Kachelofen, dessen
Firmensignet demonstrativ das Wappen Leipzigs führte. Wann genau Kachelofen seine Druckerei
etablierte, ist unsicher. Der erste belegte Druck, ein Psalterium Davidis", stammt
aus dem Jahre 1485. Schon 1476 aber erhielt er als Contze Holtzhusen alias Kachelofen
von Wartberg" das Bürgerrecht. Die Vermutung scheint daher nicht ganz unberechtigt,
daß er das Bürgerrecht in Verbindung zu seinem Handwerk erhielt.(15)
Klassische Autoren wie Seneca gehörten zu seiner Produktion, aber auch Schriften des aufkommenden
Humanismus. Berühmt geworden ist das aus seiner Presse stammende Missale" für
das Bistum Meißen aus dem Jahre 1495, das für die Sauberkeit seines Noten- und Typendrucks
vielfach Anerkennung fand. Ausgerechnet dieses Werk wurde allerdings nicht in Leipzig, sondern
in Freiberg vollendet, wohin er vorübergehend vor der in der Messestadt sich ausbreitenden
Pest geflüchtet war.(16)
Gewohnt hat Kachelofen seit den 90er Jahren in einem Haus an der Hainstraße, einen offenen
Laden hatte er an einer Ecke des Rathauses, wo er vermutlich - durchaus geschäftstüchtig
- neben einer Buch- und Papierhandlung auch einen kleinen Weinschank betrieb.(17)
Mitte der 90er Jahre nahm Kachelofen den jungen Melchior Lotter in sein Unternehmen auf. Dieser
ehelichte einige Jahre darauf die Tochter seines Prinzipals und übernahm schließlich
dessen Druckerei.
Schon früher als dies die Leistungen der hiesigen Offizinen vermochten, machte sich Leipzig als wichtiger Umschlagort gedruckter Bücher einen Namen. Vieles spricht dafür, daß zu den auf den Märkten in Leipzig gehandelten Waren schon Mitte des 15. Jahrhunderts neben Handschriften auch die ersten gedruckten Bogen gehörten, angeboten von nicht spezialisierten Kaufleuten: Bücher wurden, wie das Papier, neben anderen Waaren auf Messen, Jahrmärkten und Handelsreisen mitgenommen."(18) Bald aber sah man auf den Leipziger Jahrmärkten - zu den Terminen im Frühjahr und Herbst trat durch Erlaß des Kurfürsten Friedrich II. seit 1458 der Neujahrsmarkt - Fernhändler, die speziell Drucke mit sich führten, dementsprechend Buchführer" genannt. Drei große Märkte in einer solchen Periodizität und einem solchen Platz, Straßenschnittpunkt von europäischer Verbindungskraft, gab es im Alten Reich sonst nirgendwo. Allein Leipzig war in dieser Dreifachausstattung mit dem Marktgeschehen der Zeit verknüpft."(19) Die Buchführer handelten zumeist im Auftrag größerer Offizinen, die sich von einem Besuch der aufstrebenden Messe in der Pleißestadt lohnende Gewinne erhofften. Für die Zeit ab den 70er Jahren sind erste Namen bekannt: Heinrich Eggelin reiste für den Straßburger Buchdrucker Mentelin nach Leipzig, Nikolaus Keßler für die Basler Offizin des Berthold Ruppel.(20) Die Lukrativität Leipzigs als Umschlagplatz für Bücher veranlaßte Peter Drach aus Speyer Anfang der 80er Jahre, den in der Hainstraße wohnenden Steffan Buchfurer" als Vertreter in Leipzig zu beauftragen. Kurz darauf richtete er im Hause des Kaufmanns Hummelshain im Petersviertel ein Bücherlager ein, daß er von Georg Reiner betreuen ließ. Etwas später war Heinrich Feriß für Drachs Bestände in Leipzig verantwortlich, er versorgte von hier aus dessen Lager in Most, Prag, Kuttenberg, Iglau, Brünn und Olmütz.(21) Buchfurer, Reiner, Feriß: Pioniere des später so glanzvollen und mächtigen Leipziger Kommissionsbuchhandels.
Selbständige Buchführer, nicht in Diensten auswärtiger Unternehmer, etablierten sich etwa ab dem letzten Dezennium des 15. Jahrhunderts in Leipzig. Häufig handelte es sich hierbei um ehemalige Vertreter von Druckereien, denen die Erfahrung beim Verkauf von Büchern die erfolgversprechenden Perspektiven dieses Geschäfts vor Augen geführt haben dürfte. Einige von ihnen, die Marktlage kennend, beauftragten nun ihrerseits Buchdrucker mit der Herstellung bestimmter Werke - es war dies die Geburtsstunde des Verlegers, wie er in späteren Jahrhunderten als spezialisierter Unternehmer üblich wurde. Beispiele für solche unabhängigen Leipziger Buchführer sind Andreas Hindenumb, Albrecht Hofer, Georg Reiner (der einstige Lagerverwalter von Drach) und Johann Schmidhofer. Letzterer ließ bereits 1481 Konrad Kachelofen für sich drucken.(22)
Der bekannte Buchhandelshistoriker Albrecht Kirchhoff resümierte anläßlich eines Vortrages vor dem Verein für die Geschichte Leipzigs in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts rücksichtlich der Funktion Leipzigs als Umschlagplatz für Bücher: Die Leipziger Büchermesse tritt uns, wenn der etwas hochtrabende Ausdruck zulässig ist, mit dem letzten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts aus dem Nebel der buchhändlerischen Urzeit gleichsam schon als eine herkömmliche Institution entgegen."(23)
Die Anfänge waren getan, an der Schwelle zur zweiten Jahrtausendhälfte hatte das gedruckte Buch auch in Leipzigs geistigem und wirtschaftlichem Leben einen festen Platz gefunden. Handwerk und Handel nahmen sich der neuen Ware an, und bald zeigte sich, daß mit dem gepreßten Wort" nicht schlecht Geschäft zu machen war.
Für die Buchbinder ergab sich der glückliche Umstand vermehrter Aufträge. Viele von ihnen widmeten sich zugleich auch dem Vertrieb, traten also gleichsam als Buchhändler in Erscheinung. Valentin Bornmann beispielsweise, der Anfang des Jahres 1504 als Buchbinder das Bürgerrecht erhalten hatte, betrieb wenig später am Brühl mit beachtlichem Erfolg auch eine Bücherhandlung.(24) Die Etablierung einer Druckerei erforderte schon größeres unternehmerisches Risiko als der nebenbei erledigte Verkauf; immerhin mußte in eine Presse investiert, ein Typenbestand beschafft und das entsprechende handwerkliches Geschick erlernt oder durch Entlohnung eines Gesellen gekauft werden. Wiederum waren es Buchbinder, die zusätzlich eine Druckerei errichteten, häufig entstammten die Besitzer der neuen Werkstätten auch aus Kaufmannsfamilien, die ein hinreichendes finanzielles Potential bereitstellen konnten. Daneben haben andere Seiteneinsteiger, darunter Halbgelehrte, vielleicht verkommene Studenten"(25), bei denen die Finanzkraft nahezu völlig fehlte, Wege in die Branche gefunden: Gern wurde in bestehende Geschäfte hineingeheirathet; Leipzig muß in jenen Zeiten das Gelobte Land der heiratslustigen Wittwen, selbst für alte - wenn sie nur Geld hatten - gewesen sein."(26) Wolfgang Stoeckel etwa heiratete die Witwe des Druckers Arnold Neumarkt und erwarb so dessen Offizin. Nach dem Tod von Martin Landsberg, einem der bekanntesten Leipziger Frühdrucker, heiratete dessen Witwe im Jahre 1525 Erasmus Bachelbel, der zuvor den Titel eines Magisters erworben hatte.
Die Bedingungen für die Herstellung absatzfähiger Titel waren in Leipzig Anfang des 16. Jahrhunderts zunächst günstig. Diözesen im weiteren Umfeld Leipzigs waren Abnehmer liturgischer Schriften, innerhalb der Stadt selbst stieg der Bedarf an klassischer gelehrter Literatur, hinzu kamen mathematische Werke, Grammatiken, Wörterbücher, überhaupt Nachschlagewerke aller Art. Von größter regionaler wie überregionaler Bedeutung war, daß sich Leipzig als Druckort reformatorischer Schriften einen Namen machen konnte. Der Drucker, der dies am ehesten erkannte, war der Schwiegersohn Kachelofens, Melchior Lotter. Lotter lernte Martin Luther persönlich kennen und brachte von diesem allein in der Zeit von 1518 bis 1520 über 40 Drucke heraus. Schon der Plakatdruck der 95 Thesen im Jahre 1517 entstammte seiner Offizin.(27) Nur kurze Zeit später schien allerdings das endgültige Aus für jegliche mit Luther und seinen Ideen sympathisierenden Druckvorhaben gekommen: Nachdem Papst Leo X. schon im Jahre 1520 entschieden gegen das Treiben Luthers vorging, wurden durch das Wormser Edikt Karls V. vom Mai 1521 reformatorische Werke auch per weltlicher Verfügung in Herstellung, Vertrieb und Lektüre verboten.(28) Sachsens Landesherr Herzog Georg, erklärter Gegner der Lutheraner, ließ dieses Verbot in seinem Hoheitsgebiet unnachgiebig durchsetzen. Für Lotter bedeutete dies den fast völligen Zusammenbruch seiner Druckerei. Während noch im Jahre 1521 30 Titel seine Pressen verließen, waren es drei Jahre darauf nur noch vier, die folgenden Jahre stand die Druckerei möglicherweise ganz still. Lotter hielt sich an das Verbot, dies bewahrte ihn vor einer Gefängnisstrafe, wie sie andere Leipziger Drucker, so Valentin Schumann und Michael Blum, ereilte. Gar mit dem Leben bezahlte der Nürnberger Buchführer Johann Herrgott die Verbreitung einer 18 Blatt starken reformatorischen Schrift auf der Leipziger Frühjahrsmesse: Am Montag nach Cantate, 20. Mai 1527, wurde Herrgott auf dem Leipziger Marktplatz öffentlich enthauptet.(29)
Fast zwei Jahrzehnte währte diese für die Buchstadt
so lähmende Situation, bis das Jahr 1539 eine kaum zu überschätzende Zäsur
brachte. Herzog Georg starb und mit ihm die Macht der reformationsfeindlichen Politik Sachsens.
Unter Georgs Bruder Heinrich und ab 1541 unter dessen Sohn Moritz wurde in Sachsen die Reformation
eingeführt. Die Buchproduktion in der Pleißestadt reagierte entsprechend; für
Wittenbergs Drucker, die während der 20er und 30er Jahre ohne die Konkurrenz Leipzigs
enorme Gewinne erzielten waren die fetten Jahre vorbei."(30)
Trotz einiger Einschränkungen (1545 Verbot calvinistischer Literatur, 1549 Verbot von
Schmähschriften gegen Standespersonen) erlebte die sächsische Buchstadt nun einen
Aufschwung, der sich sowohl in der Buchherstellung als auch im Buchhandel bemerkbar machte.
Bis Ende des 16. Jahrhunderts lassen sich etwa 6.400 Leipziger Drucke nachweisen.(31)
Aber neben der Quantität beeindruckt die Qualität der in dieser Zeit in Leipzig entstandenen
Werke. Als glanzvolle Zeugnisse mustergültiger typographischer Gestaltung und Ausstattung
sind beispielsweise Drucke von Valentin Bapst sowie seinem Schwiegersohn Ernst Vögelin
erhalten.
Für die beteiligten Akteure war der Aufschwung ihres Gewerbes eine zwiespältige Erfahrung: Wachsenden Absatzmöglichkeiten standen steigende Firmenzahlen gegenüber. Die aus anderen Handwerken schon bekannte Reaktion auf eine solche Konkurrenzsituation kam auch im Buchwesen zur Anwendung: die Gründung von Innungen. Mehrfach im Laufe des 16. Jahrhunderts gab es Beschwerden Leipziger Buchdrucker über neue Etablissements. Im Jahre 1554 entschied der Rat der Stadt noch zugunsten eines befehdeten Neulings, nur vier Jahre später wurde die Errichtung einer weiteren Druckerei mit ausdrücklichem Hinweis auf die bereits hohe Zahl der hiesigen Firmen verwehrt.(32) Es gibt mehrere Belege gemeinsamer Absprachen und Initiativen Leipziger Buchdrucker im 16. Jahrhundert; als eigentliches Gründungsjahr der Innung gilt aber erst das Jahr 1595, in dem mit einer durch die 1606 erlassene Leipziger Buchdruckerordnung" bestätigten Aktenführung begonnen wurde.(33) Schon ein halbes Jahrhundert zuvor vereinigten sich Leipzigs Buchbinder. Nach Basel, Straßburg, Augsburg und Wittenberg war Leipzig damit die fünfte deutsche Stadt, in deren Grenzen eine Buchbinderinnung gegründet wurde.(34) 13 Meister gehörten ihr zunächst an, erster Obermeister" war Christoph Birck. Die Innungsartikel regelten neben anderem die Aufnahmebedingungen mit dem Ziel, den Zudrang sogenannter Pfuscher" oder Störer" zu begrenzen. Eine beigefügte Gesellen-Ordnung schrieb auch die Arbeitszeit vor: Es sol wintherzeit ein gesell vmb funff hora auff stehenn, vmb neun hora feyerabennt machenn, sommerzeit aber vmb vier hora ann die arbeyt gehenn vnd vmb acht hora feyerabennt machenn."(35)
Im Gegensatz zu den Buchbindern und -druckern gelang es
den Buchhändlern nie, einen vergleichbaren Innungsschutz aufzubauen. Die immer weiter
steigenden Firmenzahlen im Bereich des Leipziger Buchhandels selbst, aber auch der häufig
praktizierte Bücherverkauf durch Nichtbuchhändler veranlaßte unterdienstwillige
Sämptliche Buchhändl. daselbsten" im Jahre 1669 zu einer Petition an die sächsische
Regierung. Bezugnehmend auf die schlechte Lage des Buchhandels in Leipzig wurden deren Ursachen
benannt: Zunächst "thut der schädliche Nachdruck dergleichen Schaden, welcher
weder zur gnüge kann ausgesprochen noch beschrieben werden." Es sei auch "die
Menge derer Jenigen so mit Bücher handeln, nicht wenig an unserm ruin schuldig. [...]
So unterstehen sich nicht allein Buchtrukker, sondern auch wohl Buchbinder und andere, die
gar eine wenige Zeit, auch wohl gar nicht, bey der Buchhandlung gewesen, derogleichen Handlung
vorzunehmen."(36)
Obwohl durch die Folgen des Dreißigjährigen Krieges vorübergehend geschwächt, wuchs die Bedeutung Leipzigs für den deutschen Buchhandel generell. Schon im 16. Jahrhundert machte sich ein Trend bemerkbar, der die spätere Führungsposition Leipzigs als wichtigste Buchmessestadt einleitete. Mehr und mehr Buchdrucker, deren Vertreter sowie selbständige Buchhändler besuchten neben der Frankfurter auch die Leipziger Messe. Die Reformation brachte eine sprunghafte Entwicklung deutschsprachiger Literatur mit sich, speziell für diese wurde Leipzig, dessen geographische Lage und inzwischen liberalere Zensur günstige Standortfaktoren boten, zum zentralen Umschlagplatz. Im Jahre 1594 brachte Henning Große ein Buch heraus, das zwar aus typographischer Sicht keineswegs zu den Glanzpunkten seiner Zeit gehörte, dennoch aber zu einem bibliopolischen Markstein für die Pleißestadt wurde: den ersten Leipziger Meßkatalog.(37) Obwohl die Meßkataloge nicht unbedingt zuverlässig alle tatsächlichen Neuerscheinungen erfaßt haben, können sie als Gradmesser für die Entwicklung der konkurrierenden Buchplätze Frankfurt am Main und Leipzig dienen; für die Branche wurde sichtbar: Leipzig legte zu, beständig von Jahr zu Jahr.
Insgesamt lassen sich für das 16. und 17. Jahrhundert 87 Leipziger Buchdruckereien nachweisen.(38) Sie arbeiteten zwar zum Teil noch auf eigene Initiative, immer häufiger aber im Auftrag von Buchhändlern, die als Verleger für die Entstehung neuer Titel sorgten. Neben dem erwähnten Henning Große sind Jakob Apel und Bartholomäus Voigt Beispiele für solche Verleger um 1600. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts wurden Verlage gegründet, deren Namen für lange Zeit große Bekanntheit erreichten: Weidmann und Gleditsch. Im Verlag von Gleditsch erschien seit 1682 die Acta eruditorium", Deutschlands erstes Gelehrtenorgan. Schon im Jahre 1650 brachte der Leipziger Timotheus Ritzsch die erste Tageszeitung heraus: Täglich neu einlaufende Kriegs- und Welthändel" - Leipzig schickte sich vor Beginn des 18. Jahrhunderts an, eine wirklich außerordentliche Buchstadt zu werden, auch wenn bei der Fülle der hier produzierten Werke manche wohl zu viele Druckfehler enthielten, wie eine kurfürstliche Mahnung an den Stadtrat Leipzigs andeutet: ... daß in den Druckereien bei Euch allerlei Mißbräuche eingerissen, der druck nicht fleißig corrigirt, .. auch ein großer Übelstand ist, wenn die gedruckten Scripta mit so vielerlei Erratis unter die Leute kommen, so ist es Uns etc. Unser Begehren, Ihr wollet mit ganzem ernst daran sein, damit der Unfleiß in den Druckereien abgeschafft, fleißig gelehrte Correctores gehalten werden."(39)
Bei den Leipzigern heißt es: wir habens Recht und Macht allein, wer ists der uns solt meistern."(40) - Diese im Jahre 1711 erhobene Klage des Tübinger Buchhändlers Cotta nahm in prägnanter Weise vorweg, was den Charakter der Buchstadt Leipzig im 18. Jahrhundert, zumindest aus der Fremdsicht, bestimmte.
Die Ausgangssituation am Beginn des Jahrhunderts: Leipzigs Buchgewerbe hatte an Bedeutung stark gewonnen, alle Zweige der Buchbranche verzeichneten steigende Firmenzahlen, die literarische Produktion setzte in Umfang und Inhalt Maßstäbe für den gesamten deutschen Wirtschaftsraum. Seit Anfang des 17. Jahrhunderts bestand die vorherrschende Verkehrsform des Bücherhandels in und mit Deutschland im Tauschhandel. Die Messen, vorwiegend in Frankfurt und Leipzig, waren jene Orte, an denen die aus den verschiedensten Gegenden angereisten Buchhändler ihre Waren untereinander tauschten, um so den als Folge der zahlreichen Währungs- und Zollregelungen komplizierten Geldverkehr weitgehend zu vermeiden. Mehr als eineinhalb Jahrhunderte, literaturgeschichtlich die Zeit des Barock und der Frühaufklärung umfassend, prägte diese Praxis des Changierens" oder Stechens" den Buchmarkt.
Das ganze Jahr hindurch beschafften sich die am deutschen Buchhandel beteiligten Firmen Texte, die sie, zum Teil mit Illustrationen versehen, drucken ließen. Nahte der Meßtermin, wurden die noch ungebundenen Druckbogen in Fässer verpackt und der nicht selten lange wie beschwerliche Weg mit dem Pferdewagen zum Messeort angetreten. Dort angekommen, versuchte man soviel als möglich der eigenen Drucke gegen Neuerscheinungen anderer einzutauschen: Bogen gegen Bogen, in der Regel 1:1, nur wenn sich Papier- und Druckqualität allzu stark unterschieden, einigte man sich auf ein anderes Verhältnis. Was übrig blieb, wurde entweder wieder mit nach Hause genommen oder in einem Lager am Messeort verstaut, das zumeist ein dortiger Kollege gegen eine geringe Gebühr bereitstellte. Mit dem Eingetauschten und der Hoffnung, das meiste davon gewinnbringend an das Publikum verkaufen zu können, kehrte man zurück - als Verleger kam man zur Messe, als Sortimenter verließ man sie.
Wer selbst an einem Messeplatz firmierte, der sparte Zeit und Kosten. Leipzig bot diesen Vorteil, und im Kampf um die wichtigste Büchermesse trug Leipzig gegen Frankfurt im 18. Jahrhundert für Lange Zeit einen überwältigenden Sieg davon. Der ohnehin schon spürbare Trend wurde im Jahre 1710 durch eine Ungeschicklichkeit des Frankfurter Stadtrates noch beschleunigt.(41) In offenbar grober Verkennung der Konkurrenzsituation zu Leipzig beschloß dieser, den Beginn der wichtigen Frühjahrsmesse auf den ersten Sonntag nach Ostern zu verlegen. Was als Verbesserung gedacht war - gegenüber dem früheren Termin war jetzt mit wärmerer und trockenerer Witterung zu rechnen - erwies sich als Eigentor: Durch die nun geschaffene zeitliche Nähe zum Leipziger Jubilatetermin wurden viele Firmen gezwungen, sich für eine der beiden Messen zu entscheiden. Die Stadt an der Pleiße aber war inzwischen dank seines Buchangebotes, seiner Lage und seiner liberalen Zensur um einiges attraktiver geworden.
Insbesondere wegen seiner Bedeutung für den internationen Handel besuchten zwar auch die großen Leipziger Verleger zunächst weiterhin die Frankfurter Messe; sie waren jedoch bemüht, über eine weitere Stärkung der eigenen Messe ihren Einfluß auf die Usancen des Buchhandels generell zu erhöhen, mit dem Ziel, sie grundlegend zu verändern. Zur Disposition stand dabei nichts Geringeres als das über Generationen bewährte Changieren. Das System des Tauschhandels funktionierte nur, wenn alle Buchhändler zugleich als Verleger und als Sortimenter agierten. Was aber, wenn ein Buchhändler aufgrund seines Kontaktes zu hervorragenden Autoren besonders begehrte Drucke verlegen konnte und er diese nicht gegen weniger begehrte Titel eintauschen wollte? Vor diesem Problem standen zunehmend die führenden Leipziger Geschäfte, allen voran die Weidmannsche Buchhandlung, seit 1745 unter geschäftsführender Leitung des pikanterweise aus Frankfurt übergesiedelten Philipp Erasmus Reich.
Reich wurde zum Symbol für die skrupellose Unternehmensführung Leipziger Firmen, die ihren Standortvorteil gegenüber dem schwächeren Westen auszunutzen bemüht waren. Die ab etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts zunächst von der Branche selbst ausgehende und damit stark von Leipzig beeinflußte Buchhandels-Historiographie sah und sieht in Reich zumeist den großen Reformator, den Streiter gegen den unerlaubten Nachdruck und Vereinsgründer. Dies war er zweifellos; wohl kaum aber im Interesse des Gemeinwohls, wie er selbst vorgab und wie die Legendenbildung später tradierte. August Schürmann, einer der wenigen, die sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit kritischem Quellenstudium der Geschäftspolitik Reichs widmeten, kam zu dem Schluß, daß der vermeintliche Reformator ein falscher Biedermann war, unfähig eines gemeinnützigen Gedankens, dessen selbstsüchtiges, unter plumpen Moralisieren nur auf die Uebervortheilung angelegtes Treiben aber durch eine Anzahl Vorgänge verschleiert worden ist, welche auf einen ganz anderen Charakter seiner Handlungsweise schließen lassen, als derselben eigen war."(42) Die Beziehung zu bedeutenden Autoren,(43) deren Verlag er mit großem Erfolg übernahm, brachte Reich in eine Stellung, die einerseits durch geschäftliches Prestige, andererseits durch wachsende Professionalität gekennzeichnet war. Es ging ihm darum, den Verlagsbereich des Geschäfts aufzuwerten, ihn womöglich selbständig zu machen. Die verbreitete Praxis, Bücher auf den Messen zu tauschen, stand diesem Ziel entgegen. Reich bestand daher für Verlagswerke der Weidmannschen Buchhandlung auf Nettohandel", auf feste Barzahlung ohne Möglichkeit der Remission. Ohne Zweifel verstärkte dieses Vorgehen Reichs, dem sich weitere Leipziger Buchhandlungen anschlossen,(44) den Konflikt nicht nur zwischen Leipzig und dem geschlagenen Frankfurt, sondern auch zwischen dem norddeutschen und süddeutschen Raum generell. Im Jahre 1764 beschloß Reich öffentlich, die Frankfurter Buchmesse nicht mehr zu besuchen, sie damit endgültig zu begraben".(45) Noch während der Ostermesse dieses Jahres richtete er ein Zirkular An die Herren Buchhändler, welche die Leipziger Meßen besuchen".(46) Darin begab er sich mit starken Worten auf die Seite des moralisch gerechtfertigten Reformers: Man hat schon lange mit Recht über den Verfall der Buchhandlung geklaget; aber niemahls ist die Unordnung, die Abweichung von allen Grundsätzen, bei demselben so weit getrieben worden, als in unseren Tagen. Dem rechtschaffenen Theile der Buchhändler kömmt es zu, sich dießem Uebel zu widersezen."(47) Wenn sich die ehrhaften Buchhändler vereinigen würden, ergäbe sich die Chance, das Ungeziefer auf der Buchhandlung" zu bekämpfen. Er, Reich, richte seine Worte an die würdigen, nicht aber an die sich selbst entehrenden Theile der Buchhändler. [...] Das Schwein wird seine Nahrung immer in dem Unflate suchen, und der Mohr wird niemahls weiß zu waschen sein."(48)
Während der Leipziger Ostermesse 1765 unterschrieben
auf Reichs Initiative 56 Buchhändler aus 30 Städten das "Erste Grundgesetz der
neuerrichteten Buchhandlungsgesellschaft in Deutschland" und gründeten so die erste
überregionale Buchhändlerorganisation, die zumindest für einige Jahre Bestand
hatte. Ihr wesentlichstes Ziel bestand in der Bekämpfung des unerlaubten Nachdrucks. Auch
wenn das Problem des Nachdrucks in den folgenden Jahren eher zu- als abnahm(49)
ist es ein unbestrittenes Verdienst Reichs, vehement für das später auch staatlich
geschützte bürgerliche Verständnis von geistigem Eigentum eingetreten zu sein.
Die Zahl der im Leipziger Buchgewerbe agierenden Firmen betrug im Jahre 1768 52. Im Leipziger Adreß- Post- und Reise- Kalender, Auf das Jahr Christi MDCCLXVIII" sind 22 Buchbindereien, 14 Druckereien und 16 Buchhandlungen verzeichnet. Interessant ist dabei, daß letztere die 6. Abteilung des Adreßbuches (Von der sämmtl. Bürgerschaft") als gesonderte Rubrik einleiten, erst anschließend folgen die Kaufmannschaft, die Kramer und die Handwerker. Fast alle buchhändlerischen Firmen befanden sich zu diesem im Bereich Alter- und Neuer Neumarkt - Grimmaische Gasse - Nikolai- und Ritterstraße. Die Drucker konzentrierten sich an ähnlicher Stelle, bevorzugt in der Ritterstraße. Die quantitative Entwicklung der Firmenzahlen bis zum Jahre 1800 verdeutlicht, daß gerade die letzten Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts ein erhebliches Branchenwachstum hervorbrachten. Deutlich wird auch, daß innerhalb des Leipziger Buchgewerbes vornehmlich der Buchhandel Träger dieses Wachstums war: Die Gesamtzahl der buchgewerblichen Firmen stieg auf 98, allein buchhändlerische Etablissents gab es es 52, hinzu kamen 26 Bindereien und 20 Druckereien. An der Buchhändlerlage in der Stadt hatte sich kaum etwas geändert, lediglich die Dichte wurde spürbar größer.
Zu den namhaften Leipziger Firmen des 18. Jahrhunderts zählten
weiterhin Gleditsch und Weidmann, letztere so großartig geführt vom berühmt-berüchtigten
Philipp Erasmus Reich. Beide Verlage waren an der Grimmaischen Gasse ansässig, ebenso
die Dyk'sche Buchhandlung. Johann Gottfried Dyk hatte im Jahre 1745 die Firma von August Martini
erworben. In seinem Verlag erschien neben anderem die Bibliothek der schönen Wissenschaften."
Paul Gotthelf Kummer, Verleger Kotzebues und Begründer der ersten Buchhändlerbörse,
gründete im Jahre 1776, 26jährig, seinen Verlag in der Ritterstraße. Zu den
vielen Ende des Jahrhunderts gegründeten Firmen gehörten Hinrichs, Schwickert, Fleischer,
Voß, Barth und Weigel. Eine der bekanntesten Leipziger Firmen überhaupt entstand
bereits 1719. Der aus Clausthal stammende Bernhard Christoph Breitkopf heiratete in diesem
Jahre, 23jährig, die etwa 15 Jahre ältere Witwe des Druckers Johann Caspar Müller,
kam dadurch in den Besitz einer Firma und, was noch wichtiger war, er erhielt Zugang zur Innung.
Wenig später erwarb Breitkopf das Haus Zum Goldenen Bären", ein altes
Gasthaus mit Bierbrauerei am Alten Neumarkt, - die Grundlage für den späteren graphischen
Großbetrieb, der durch den Eintritt von Gottfried Christoph Härtel seit Ende des
18. Jahrhunderts den Namen Breitkopf & Härtel" führte.(50)
Die von Philipp Erasmus Reich und einigen seiner Kollegen forcierte Aufhebung des Tauschhandels
und mit ihm der notwendigen Verbindung von Verlag und Sortiment hatte Erfolg, nicht jedoch
durch die allgemeine Einführung des Nettohandels. Dies verhinderte die Entschlossenheit
der auswärtigen, insbesondere der süddeutschen Firmen, die sich im Jahre 1788 - einem
Jahr nach Reichs Tod - auf die die sogenannte Nürnberger Schlußnahme"
einigten: Die Akzeptierung des Nettohandels als einzig gültiges Geschäftsprinzip
sei Ausdruck der Maßlosigkeit Leipziger Verleger, eine Ungerechtigkeit, der nur durch
Remissionsrecht bei jährlicher Rechnungslegung begegnet werden könne. Das Prinzip
der à condition" setzte sich durch, es bestimmte in der Folge den buchhändlerischen
Warenverkehr in Deutschland.(51)
Neuerscheinungen wurden künftig unter der Bedingung in ein Sortiment übernommen,
daß sie im Falle des Nichtverkaufs an den Verleger zurückgeschickt (remittiert")
werden konnten. Die daraus resultierende Notwendigkeit der Rechnungslegung und -begleichung
geschah vorwiegend auf den Messen in Leipzig - deren Bedeutung wandelte sich nach und nach
von der Waren- zur Abrechnungsmesse. Erste konkrete Schritte zur Schaffung einer für die
neue Funktion geeigneten Räumlichkeit, gleichsam eines Versammlungspunktes, wurden ebenfalls
nur wenige Jahre nach der Nürnberger Schlußnahme unternommen.
Nachdem eine entsprechende Initiative des Leipziger Verlagsbuchhändlers Georg Joachim Göschen im Jahre 1791 keine Umsetzung fand, richtete im Jahr darauf Paul Gotthelf Kummer, ebenfalls Buchhändler in Leipzig, ein Zirkular an seine Kollegen. Er habe sich entschlossen, auf den Wunsch nach einem Rechnungslokal zu reagieren, indem er fünf Zimmer des am Brühl gelegenen "Richterschen Kaffeehauses" für die Messebesucher anmieten könne. Ausdrücklich verstand Kummer das Angebot an die Auswärtigen gerichtet, die damit ihre Geschäfte in Leipzig erleichtern könnten. Eine Beteiligung Leipziger Firmen wurde in dem Zirkular nicht erwogen. Die Reaktionen auf das Zirkular waren weitgehend positiv. Trotz einiger Bedenken, die sich auch auf die nicht optimale Lage des Richterschen Kaffeehauses bezogen, zahlten insgesamt 121 Teilnehmer den Beitrag für diese erste deutsche Buchhändlerbörse. Die erhoffte Fortdauer hatte das Unternehmen allerdings zunächst nicht. Das Richtersche Kaffeehaus stand durch Verkauf an einen anderen Besitzer ab 1794 nicht mehr zur Verfügung, schneller Ersatz wurde nicht geschaffen. Die hohe Resonanz hatte aber deutlich das Bedürfnis nach einer geregelten Abrechnung vor allem unter den nichtleipziger Messeteilnehmern gezeigt. Leipzigs Buchhändler dagegen waren offenbar weder an einem gesonderten Lokal noch an einer einheitlichen Regelung für die Meßabrechnung interessiert. Die Börse" blieb Sache der Auswärtigen; drei Jahre vor dem Jahrhundertwechsel reagierte der Potsdamer Carl Christian Horvath auf die beständige Lokal-Nachfrage, indem er mit der Leipziger Universität einen Mietvertrag für den zur Messezeit nicht genutzten Hörsaal der theologischen Fakultät (Paulinum") abschloß. Mitten im Buchhändlerviertel gelegen, bot auch die Größe des neuen Etablissements gute Voraussetzungen. In einem Zirkular vom 9. Mai 1797 rief Horvath die zur Messe in Leipzig anwesenden Buchhändler zur Teilnahme an der neuen Börse auf: "Je mehr Buchhändler dieses Circulair unterschreiben, desto geringer wird der Beitrag, und dadurch wird das lästige Herumlaufen gänzlich gehoben sein."(52)
Zwar führte Horvath die neue Börse von Beginn
an als Privatunternehmen"(53),
- er kassierte von jedem Teilnehmer einen Taler "Eintritt", bestritt davon Miete
und weitere Unkosten, der Rest verblieb ihm als Gewinn - zugleich jedoch entwickelte sich aus
der "Horvath'schen Börse", wie sie genannt wurde, sehr bald ein Forum für
Reformgedanken, die, von konkreten geschäftlichen Fragen ausgehend, immer wieder auch
korporative Ideen kolportierten und umzusetzen suchten. Für die Leipziger bedeutete die
neue Einrichtung, für die es sich anfangs nicht so recht begeistern mochte, einen weiteren
großen Schritt zur künftigen Größe als Buchstadt.
Beim Einstieg ins 19. Jahrhundert waren wesentliche Weichenstellungen
für die sich mehr und mehr festigende Zentralstellung der Buchstadt Leipzig bereits erfolgt.
Auf diese Basis gestützt erlebte die Branche nun einen enormen Aufschwung, dessen Intensität
alles bis dahin Vorstellbare bei weitem überstieg. Allein die Zahl der in Leipzig etablierten
buchhändlerischen Firmen erhöhte sich von gut 50 am Anfang auf annähernd 700
am Ende des Jahrhunderts. Die technischen Möglichkeiten der Buchproduktion wurden revolutioniert
- in ständiger Wechselwirkung von Angebot und Nachfrage entstanden zahlreiche neue Produktionsstätten,
bestehende wurden ausgebaut. Das enge Zusammenspiel aller Zweige des Buchgewerbes in Leipzig
erwies sich dabei als wichtiger Katalysator: Nur hier sind Sie auf Ihrem Platze!"(54) - dieser Ratschlag des Leipziger
Verlegers und Buchdruckereibesitzers Benedictus Gotthelf Teubner an seinen Freund Friedrich
Arnold Brockhaus aus dem Jahre 1817 wurde im Laufe des Jahrhunderts zur Maxime Tausender buchgewerblicher
Unternehmer, die entweder ein bestehendes Geschäft in die Pleißestadt verlegten
oder hier ein neues errichteten. Viele von ihnen wurden zu angesehenen Persönlichkeiten
der städtischen Öffentlichkeit, Firmenkomplexe prägten vor allem im in der Ostvorstadt
wachsenden Graphischen Viertel" mehr und mehr das architektonische Stadtbild, zahlreiche
Arbeitsplätze entstanden und mit ihnen unmittelbare Verbundenheiten vieler Einwohner mit
der Buchbranche, die in Leipzig wie in keiner anderen Stadt in den Prozeß der Urbanisierung
verwoben war.
Das Adreßbuch der Stadt verweist für das Jahr 1800 auf 52 buchhändlerische Firmen, 19 Druckereien und 28 Buchbindereien. Speziell im nichtzünftigen Buchhandel provozierte der starke Anstieg der Firmenzahlen zu Beginn des 19. Jahrhunderts branchenintern geführte Debatten, ob und mit welcher Verbindlichkeit Regularien für den Geschäftsbetrieb innerhalb des deutschen Buchhandels aufgestellt werden könnten.
Die von Carl Christian Horvath seit 1797 organisierte Messebörse" im Paulinum der Universität bot einmal im Jahr Gelegenheit, neben der Begleichung finanzieller Verbindlichkeiten über die jüngsten Entwicklungen in der Branche zu diskutieren, Mängel zu benennen und deren Beseitigung zu erwägen. Ein erster Versuch, diese jährlichen Zusammenkünfte für eine Reformversammlung zu nutzen, dokumentiert sich für das Jahr 1802. Horvath rief am 23. Mai dieses Jahres die Versammelten zur gemeinsamen Erwägung von Maßregeln gegen eingerissene Unordnungen" auf.(55) Hierzu gehörte nach wie vor das Problem des Nachdrucks. Während jedoch noch die von Reich initiierte Buchhandlungsgesellschaft das Problem des Nachdrucks eindeutig in den Mittelpunkt stellte, übertrafen nun, etwa dreieinhalb Jahrzehnte später, zwei andere Unordnungen" den Nachdruck als Kernfrage der Diskussionen: die Schleuderei", wie die Abgabe von Büchern zu willkürlichen Tiefstpreisen bezeichnet wurde, und die wachsende Konkurrenz durch den schnellen Anstieg der Zahl buchhändlerischer Etablissements während der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Die Beratung dieser Punkte erfolgte in der Form, daß alle Buchhandlungen aufgerufen wurden, ein diesbezügliches Gutachten zu verfassen und einer während der Ostermesse gewählten Kommission zuzuschicken. Insgesamt 45 Gutachten zu den Horvathschen Reformvorschlägen haben sich im erhalten.(56) Zweifellos bekanntestes Gutachten wurde jenes von Georg Joachim Göschen, was auch darin begründet sein dürfte, daß Göschen seine Gedanken über den Buchhandel und über dessen Mängel" noch im August des Jahres 1802 drucken ließ. Berühmt geworden ist Göschens darin erhobene Forderung: Man verschaffe der Börse Fond, Würde und Dauer."(57) Aus der jährlich veranstalteten Messe-Abrechnung solle ein Verein entstehen, der in vielfältiger Weise regulierend in die Geschäftspraxis der am deutschen Buchhandel beteiligten Firmen eingreifen könne. Dies würde sich zwar im Widerspruch zu einer Gesinnung freien Handels befinden, schließlich aber sei der Buchhändler ein Kaufmann, der mit den edelsten Waaren handelt: und wenn er seinen Beruf mit Würde treibt, so gebührt ihm unter den Handelsleuten der erste Rang."(58)
Doch weder Göschens Vorschläge noch die der anderen Gutachter" fanden zu diesem Zeitpunkt eine entsprechende Umsetzung. Der Versuch, den umkämpften Buchmarkt in fixierte Bahnen zu lenken, scheiterte nicht zuletzt an der Uneinigkeit der beteiligten Akteure selbst.
Noch aussichtsloser als die Festsetzung verbindlicher Usancen
war die Beschränkung weiterer Konkurrenz. Die Firmenzahlen im Buchgewerbe kletterten weiter,
ein Trend, den selbst die Innungen der Drucker und Binder nicht dauerhaft unterdrücken
konnten. Schon vor der Einführung der Gewerbefreiheit in Sachsen im Jahre 1862 war die
Etablierung eines neuen Unternehmens keine allzu große Schwierigkeit.
Die beginnende Industrialisierung setzte Anfang des 19. Jahrhunderts auch im Buchgewerbe ein innovatives Potential frei, an dem Leipzig nachhaltig partizipierte. Von wohl größter Bedeutung für die Steigerung der Buch- (und Zeitungs-) produktion war die Erfindung der Schnellpresse durch Friedrich Koenig. Koenig war zwar kein gebürtiger Leipziger, lernte hier aber von 1790 bis 1794 bei Breitkopf & Härtel und studierte an der Universität Mathematik und Mechanik. Den Plan, eine Druckmaschine zu bauen, konnte er allerdings erst im industriellen" England verwirklichen. In Leipzig war es die Druckerei von Brockhaus, die im Jahre 1826 als erste eine Schnellpresse aufstellte. Bereits seit 1816 brachte Tauchnitz die Stereotypie für seine Klassikerreihen in Anwendung; weitere Erfindungen, wie die Satiniermaschine und Hydraulikpresse effektivierten den Buchdruck ebenso, wie die Einführung verbesserter Schriftgießmaschinen und des standardisierten Maßsystems, das gegen Ende des Jahrhunderts den typographischen Punkt auf 0,376 mm bestimmte.(59) Brockhaus, Teubner, Breitkopf & Härtel, Tauchnitz, später auch Brandstetter, Giesecke & Devrient, Spamer, Drugulin, Klinkhardt und Röder - Namen graphischer Großbetriebe, die den Ruf Leipzigs als leistungsfähiges Zentrum der Druckindustrie im 19. Jahrhundert begründeten.
Bei der Buchbinderei machte sich der Einfluß der Industrialisierung erst später bemerkbar als beim Buchdruck. Bis zur Mitte des Jahrhunderts sah es bezogen auf die Herstellung großer Stückzahlen mit der Buchbinderkunst in Leipzig noch sehr Trübe aus."(60) Um so tiefgreifender waren dann die Veränderungen in den ersten Jahrzehnten der zweiten Jahrhunderthälfte. Im Jahre 1879 resümierte der Leipziger Buchhändler Carl B. Lorck angesichts dieser rasanten Entwicklung: Leipzig beherrscht jetzt den Markt in der Buchbinderbranche vollständig und kein Zweig der graphischen Gewerbe hat seit 1840 so außerordentliche Fortschritte gemacht, wie die Buchbinderei. Nicht allein die in Leipzig gedruckten Werke werden hier gebunden, sondern Leipzig arbeitet für ganz Deutschland und verschiedene andere Länder."(61) Ein Motor für diese Entwicklung war die Idee des Zwischenbuchhandels, große Posten eines Verlagsartikels auf eigene Kosten binden zu lassen und so gewissermaßen fertige" Bücher an das Sortiment weiterzugeben. Urheber dieses Systems war vermutlich der Leipziger Louis Zander, erster potenter Umsetzer Friedrich Volckmar. Die bis weit ins 19. Jahrhundert hinein übliche Praxis, Bücher erst durch das Sortiment oder gar durch den Kunden binden zu lassen, wurde durch den Zwischenbuchhandel und später durch den Verlagseinband nach und nach abgelöst. Heinrich Sperling, ein Neuling in der Branche (Firmengründung 1846), brachte eine für das schnelle Binden ganzer Partien wichtige technische Innovation in Anwendung: Er war der erste, der in Deutschland die Dampfkraft für die Buchbinderei nutzbar machte. Mit Massenbindearbeiten, zumeist im Auftrag von zwischenbuchhändlerischen Großsortimenten", befaßten sich u. a. J. F. Bösenberg, Gustav Fritzsche, F. Halle, Groebel & Barthel, Th. Knaur, H. Föste, G. Kappelmann und W. Schäffel. Immer neue Erfindungen im technischen und technologischen Bereich - so der Einsatz von Kniehebelpressen ab 1844, Beschneidemaschinen ab 1853 und von Abpreßmaschinen ab 1863 - begünstigten den Aufstieg Leipzigs nun auch zur buchbinderischen Metropole.
Zwar nicht zum eigentlichen Bereich des Buchgewerbes gehörend,
dennoch für dieses von großer Bedeutung, war die in Leipzig ansässige Maschinenproduktion.
In Sonderheit Fabriken, die sich ausschließlich der Produktion von Maschinen für
Buchbinder und -drucker widmeten, erlangten große Wichtigkeit, unter ihnen die 1855 gegründete
Firma Karl Krause, spezialisiert auf die Herstellung von Papierschneidemaschinen und Pressen
verschiedenster Art, Schelter & Giesecke und Fischer & Wittig. Wichtige Zulieferbetriebe,
zum Teil im Umfeld der Stadt ansässig, komplettierten die Standortvorzüge Leipzigs
für die Buch-, Zeitungs- und Zeitschriftenherstellung. Mit der Produktion von Papier befaßten
sich u. a. die Firmen Ferdinand Flinsch, die eine Papiermühle in Penig betrieb, Adolf
Schröder mit einer Fabrik in Golzern bei Grimma sowie die Fabriken von Gustav Najork und
F. Narazim, letztere bekannt für sehr gutes Kreidepapier. Für Druckfarbe sorgten
u. a. die Unternehmen Frey & Sening und Berger & Co.
Zum Teil die gleichen Namen wie im Bereich des Druckes fanden sich an den Unternehmensschildern bedeutender Verlage.
Während eines Messeaufenthaltes im Jahre 1808 hatte Friedrich Arnold Brockhaus die Rechte am bis dahin wenig erfolgreichen Conversations-Lexicon" erworben. Er und die folgenden Generationen in der Unternehmensführung verstanden es, das während des 19. Jahrhunderts in 14 Auflagen erscheinende Lexikon zu einem äußerst gewinnbringenden Verlagsartikel zu machen. Mit dem 1826 von Joseph Meyer gegründeten Bibliographischen Institut" siedelte sich im Jahre 1865 ein weiterer Lexikonverlag von Weltgeltung in Leipzig an.
Die im Jahre 1811 von B. G. Teubner gegründete Firma erlangte Bekanntheit als Wissenschaftsverlag, ebenso Johann Ambrosius Barth, Salomon Hirzel, Wilhelm Engelmann und Georg Thieme, letzterer mit Spezialisierung auf medizinische Literatur.
Auf belletristischem Gebiet profilierte sich eine unübersehbare Fülle auch kleinster Verlage, die zum Teil nur wenige Jahre bestanden. Die berühmte Weidmannsche Buchhandlung ging im Jahre 1822 in den Besitz von Reimer in Berlin über, firmierte aber weiter in Leipzig. Ein verlegerischer Geniestreich gelang Anton Philipp Reclam im Jahre 1867 mit der Etablierung seiner Universal-Bibliothek". Reclam reagierte damit am mit Abstand erfolgreichsten auf die in diesem Jahr urheberrechtlich frei werdenden Texte deutscher Klassiker. Als billige Taschenbuchreihe konzipiert, konnten immer wieder Rekordauflagen verkauft werden.
Nach wie vor von großer Bedeutung war auch Leipzigs Musikverlag. Am berühmtesten neben Breitkopf & Härtel wurden das im Jahre 1800 eröffnete Bureau de Musique" (1814 von C. F. Peters übernommen), bei dem u. a. Werke von Haydn, Bach, Beethoven und Mozart erschienen, Friedrich Kistner, Verleger u. a. von Berlioz, Chopin und Mendelssohn sowie der 1807 gegründete Verlag von Friedrich Hofmeister, spezialisiert vor allem auf musikbibliographische Werke.
Maßstäbe im Zeitschriftenwesen setzte der im Jahre 1834 gegründete Verlag des aus Basel stammenden Johann Jacob Weber mit der Herausgabe der Illustrirten Zeitung" ab 1843. Ernst Keil ließ zehn Jahre darauf die erste Nummer der Gartenlaube" erscheinen, eine Zeitschrift, deren Abonnentenzahl in nur einem Jahrzehnt die Zahl von 150.000 erheblich überstieg. Nach dem Vorbild der Gartenlaube" etablierte der im Jahre 1839 aus London nach Leipzig gekommene Albert Henry Payne Das illustrirte Familien-Journal".
Mit Luxus- und Accidenzarbeiten" befaßten sich mit Erfolg der aus Essen im Jahre 1861 nach Leipzig übergesiedelte Kunstverlag E. A. Seemann und die seit 1853 im Besitz von Alphons Dürr befindliche Verlagsbuchhandlung.
Daß Leipzig im 19. Jahrhundert nicht nur ein wichtiger
Umschlagsort neuer Verlagsartikel war, belegt die Präsenz bedeutender Antiquariatsgeschäfte,
wie T. O. Weigel, Otto Harrasowitz, Kirchhoff & Wigand, Simmel & Co, K. F. Köhlers
Antiquarium und List & Francke. Auch die Firma F. A. Brockhaus gliederte eine antiquarische
Abteilung in ihr Unternehmen.
Der statistische Blick(62) auf Umfang und Struktur des Leipziger Buchgewerbes am Ende der 60er Jahre des 19. Jahrhunderts - gut ein halbes Jahrzehnt nach Einführung der Gewerbefreiheit in Sachsen - verweist auf insgesamt etwas über 400 Firmen. Mit dem Buchhandel (also Verlag, Sortiment, Antiquariat oder Kommissionsgeschäft) befaßten sich etwa 250 Unternehmen, deren Prinzipale" (Besitzer) ca. 270 Gehilfen" (Angestellte mit abgeschlossener Lehre), 110 Lehrlinge und - saisonal schwankend - 300 bis 400 Markthelfer. Ohne letztere, von der Buchhandelshistoriographie leider nur ungenügend berücksichtigt,(63) wäre der Leipziger Buchhandel nicht zu denken gewesen. Seit zum ersten Male Bücherwagen die Tore der Pleißestadt passierten, wurden sie gebraucht. Zunächst auf Tagelöhnerbasis zu Handlanger- und Transportarbeiten während der Messen engagiert, begann ihre Arbeit bald auch das gesamte Jahr hindurch unentbehrlich zu werden. Die Vermittlung der Bücher über Leipzig erforderte einen umfangreichen innerstädtischen Warenumlauf zwischen Verleger- und Sortimenterkommissionären, zwischen Auslieferungslagern und Abfahrts- bzw. Ankunftsstellen der Post- und Fuhrunternehmen, später auch der Eisenbahn. Hinzu kam der Transport zwischen einzelnen Branchenzweigen, so vom Buchdruck zum Verlag, von diesem zum lokalen Sortiment, eventuell zur Buchbinderei. "Da laufen die Markthelfer einher, beladen gleich Lastthieren"(64) - dies war das bestimmende Bild von Leipzigs Graphischem Viertel.
Die Spezialisierung innerhalb des Leipziger Buchhandels war weiter vorangeschritten: Etwa 89% der ca. 140 Verlage befaßten sich ausschließlich mit dem verlegerischen Geschäft, von den 31 Sortimentsbuchhandlungen widmeten sich jedoch noch 13 dem Verlag und/oder dem Antiquariat, dessen 39 Firmen zu 70% als reine" Antiquariatsgeschäfte firmierten. Zum Antiquariatsbuchhandel sind auch Bücherauktionsgeschäfte zu rechnen, bei denen nicht selten wertvolle Bibliotheken aus Privatbesitz etwa von adligen Familien oder bedeutenden Gelehrten auf den Markt gelangten. Im Januar 1869 machte eine von der Firma List & Francke veranstaltete Versteigerung Furore, bei der die Büchersammlung des zwei Jahre zuvor verstorbenen Kaisers Maximilian von Mexiko unter den Hammer kam. Eine direkte Firmenunion zwischen Buchhandel und -binderei gab es zu diesem Zeitpunkt nicht, auch der gleichzeitige Betrieb einer Buchdruckerei war selten, lediglich große Unternehmen wie Breitkopf & Härtel, Brockhaus und J. J. Weber waren Buchhändler und Drucker. Im Bereich der Buchtitelproduktion belegte Leipzig im Jahre 1870 mit 1.871 Neuerscheinungen nach der künftigen Reichshauptstadt Berlin (2.066) Platz zwei aller deutschsprachigen Verlagsstandorte. Es folgten mit großem Abstand Wien (836), Stuttgart (426), München (275) und Dresden (247).
Die in Leipzig etablierten knapp 50 Buchdruckereien besaßen Ende der 60er Jahre an die 100 Hand- und reichlich 200 maschinelle Pressen. Beschäftigt waren etwa 1.000 Gehilfen, 300 Lehrlinge und 450 sogenannte Bogenfängerinnen" als Hilfspersonal an den Druckmaschinen.
Wie bereits erwähnt, erlebte die Buchbinderei Leipzigs
Mitte des 19. Jahrhunderts den größten Aufschwung innerhalb des Buchgewerbes. Während
noch im Jahre 1830 lediglich 32 Meister mit 70 Gehilfen buchbinderisch tätig waren, gingen
kaum vier Jahrzehnte darauf 128 Firmen mit 400 Gehilfen, 150 Lehrlingen, nahezu 100 Mädchen"
und 50 Laufburschen dieser Branchenspezialisierung nach. Insgesamt waren dabei je 80 Vergolderpressen
und Beschneidemaschinen, 35 Walzen und je ein Dutzend Schräge- und Einsägemaschinen
im Gange.
Trotz der beeindruckenden Entwicklungen in Verlagsproduktion, Buchdruck und Buchbinderei war es vor allem eine andere Funktion, die Leipzig im Räderwerk des deutschen Buchwesens zum unangefochtenen Zentrum, zum Mekka des Buchhandels"(65) werden ließ: die Vermittlerrolle. Leipzig war bibliopolischer Umschlag- und Stapelplatz nahezu des gesamten literarischen Verkehrs in Deutschland. Wenn beispielsweise der Inhaber eines Buchladens in Hamburg einen Stuttgarter Verlagsartikel in sein Sortiment aufnehmen wollte, so bestellte er ihn in der Regel nicht direkt bei seinem Kollegen am Neckar, sondern sammelte sämtliche Bestellwünsche dieser Art und schickte sie zur Erledigung an den von ihm gewählten Leipziger Kommissionär. Da alle am System des deutschen Buchhandels beteiligten Firmen einen Kommissionär in der Pleißestadt mit der Vermittlung ihrer Geschäfte beauftragt hatten, bündelte sich hier der Bücherumschlag, ein effizienter Warenverkehr wurde möglich. Die von Jahr zu Jahr größer werdende Nachfrage führte im Jahre 1842 zur Gründung einer buchhändlerischen Bestellanstalt in Leipzig - eine Art Hauptpostamt für Bücherbestellungen in Deutschland.(66) Das Börsenblatt für den deutschen Buchhandel" berichtete im Jahre 1869 über die Leistungen des Zwischenbuchhandels in der sächsischen Metropole: Leipzig, welches freilich theilweise nur als Uebergangspunkt, theilweise auch selbst erzeugend, in Betracht gezogen werden muß, versendete 1867 gegen 130.000 Centner Bücher, welches Gewicht im Jahre 1868 wohl ziemlich erheblich überschritten worden sein wird; bedenkt man, daß ein vielleicht ziemlich gleiches Quantum nach Leipzig einwandert, erwägt man ferner, wie oft ein einziger Bücherballen hunderte von Beischlüssen von verschiedenen Buchhändlern aus Allen Weltgegenden enthält und wie dabei natürlich Alles bis auf das Kleinste sorgsam pro und contra notirt und gebucht werden muß, so wird man einen Begriff von der umfassenden Thätigkeit des Commissionärs erhalten."(67)
Mit der Möglichkeit, Bücher das ganze Jahr hindurch zu bestellen, schwand bereits seit dem Ende des 18. Jahrhunderts die traditionelle Aufgabe der Büchermessen. Der Messetermin diente nunmehr im wesentlichen der Begleichung offener Rechnungen. Nachdem Carl Christian Horvath, der fast drei Jahrzehnte hindurch in privater Initiative diese jährlichen Abrechnungstreffen organisiert hatte, im Jahre 1824 erklärte, daß er hierfür künftig aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr zur Verfügung stünde, waren es bezeichnender Weise fast ausschließlich auswärtige Buchhändler, die im Jahr darauf eine Abrechnungsorganisation schufen: den Börsenverein der deutschen Buchhändler".(68) Der neue Verein erfreute sich bereits in den ersten Jahren eines großen Zuspruchs. Binnen drei Jahren zahlten fast 350 Firmen aus allen Teilen des deutschen Buchhandels den Mitgliedsbeitrag, nach dem ersten Jahrzehnt gehörten ihm annähernd 600 Buchhändler an, inzwischen auch die meisten Leipziger. Aber obwohl der Börsenverein neben der kollektiven Regelung der Abrechnungsgeschäfte eigentlich auch weitere wirtschaftliche Normierungen im Sinne der Göschenschen Ideen herbeiführen sollte, gelang es ihm zunächst kaum, entsprechende Aktivitäten zu entwickeln. Dies brachte ihn in der Mitte des Jahrhunderts zu einer Krise, die leicht hätte zu seiner Auflösung führen können. Ursache hierfür war, daß der Leipziger Kommissionsbuchhandel nach und nach auch jene Aufgabe übernahm, die das wichtigste Gründungsmotiv für den Börsenverein war. Wenn sich die Kommissionäre schon umfassend mit Bestellungsvermittlung und Versand der buchhändlerischen Waren befaßten, so war deren Überlegung, dann konnten sie letztlich auch die Rechnungslegung übernehmen. So geschah es, mit der Folge, daß in den 50er Jahren kaum noch auswärtige Buchhändler Zeit, Geld und Mühe aufbringen wollten, um die Leipziger Messe und damit den Börsenverein aufzusuchen. Erst allmählich schaffte die zentrale Branchenorganisation neue Anreize: Gemeinsame Festessen wurden organisiert, und die Hauptversammlung widmete sich mehr und mehr wichtigen Beschlußfassungen. Nach außen trat der Verein entschieden gegen unerlaubten Nachdruck und für Pressefreiheit ein, nach innen schickte er sich an, eine starke, regulierende Wirtschaftsorganisation zu werden. Den Höhepunkt dieser Entwicklung markiert das Jahr 1888, als im Rahmen der Krönerschen Reformen" (benannt nach dem damaligen Vereinsvorsteher Adolf Kröner) eine umfassende Buchhändlerische Verkehrsordnung" erlassen wurde, deren wichtigster Punkt die Einführung des noch am Ende des 20. Jahrhunderts praktizierten festen Ladenpreises für Bücher war.
Die Betriebsamkeit im Leipziger Buchgewerbe war um 1900 eine äußerst hektische. Alle Zweige der Branche selbst sowie die mit ihr verbundenen Unternehmen aus anderen Bereichen, wie Maschinenbaufabriken und Speditionsfirmen, erlebten die praktische Bedeutung des Begriffes Massenmedium". Das Produktionsvolumen, gemessen an den jährlichen Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt, hatte sich allein in den letzten drei Jahrzehnten von etwa 10.000 auf über 20.000 Titel verdoppelt.(69) Berücksichtigt man dazu den Trend steigender Auflagenhöhen, so verstärkt sich dieser Befund einer gewaltigen Expansion. Der Leipziger Platz" trieb diese Entwicklung voran - als Drehscheibe des Warenverkehrs, als verlegerisches Zentrum und nicht zuletzt als führender Produktionsstandort.
Weitere technische und technologische Innovationen am Anfang des 20. Jahrhunderts ermöglichten die Herstellung großer Auflagen in immer kürzerer Zeit. Ein Markstein war diesbezüglich die Erfindung des Offsetdrucks"; die erste nach diesem Prinzip des maschinellen Indirektdrucks entwickelte Presse Deutschlands (Typ Triumph") lief bei C. G. Röder in Leipzig. In den Großbuchbindereien lieferten verbesserte Fadenheft- und Klebemaschinen die Voraussetzungen für die Bewältigung hoher Stückzahlen.
Der Zwischenbuchhandel Leipzigs, als Kommissionsgeschäft
und Barsortiment für die Vermittlung nahezu des gesamten deutschen Buchverkehrs zuständig,
vermochte es, trotz des steigenden Umfangs seine Dienstleistungen weiter zu beschleunigen.
Spätestens seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war klar geworden, daß
gerade dieser Bereich des buchhändlerischen Geschäfts ein enormes unternehmerisches
Gewinnpotential freisetzen konnte. Folge dieser Erkenntnis war ein Konzentrationsprozeß,
in dem die führenden Kommissionshäuser durch günstige Konditionen neue Kunden
(Kommittenten") auf sich fixierten, die Auftraggeber kleinerer Firmen an sich zogen
oder aber ganze Kommissionsgeschäfte übernahmen. Während im Jahre 1874 104 Leipziger
Kommissionsbuchhandlungen 4.034 Kommittenten betreuten, erledigten im Jahre 1930 nur noch 69
Kommissionäre für die auf 9.108 mehr als verdoppelte Zahl der Kommittenten die Vermittlungsleistungen.(70) Unter diesen 67 Firmen waren
zudem viele, die zwar noch mit eigenständigem Namen auftraten, inzwischen aber zu anderen
Unternehmen gehörten. Das mit Abstand eindrucksvollstes Beispiel für diesen Konzentrationsprozeß
liefert das Kommissionsimperium Koehler & Volckmar. In mehreren Wellen integrierte die
seit 1910 vollzogene Fusion der schon zuvor als Großunternehmen agierenden Firmen F.
Volckmar und K. F. Koehler eine fast unüberschaubare Vielzahl von Kommissionsgeschäften.
Das Haus Volckmar, gegründet 1829, hatte vor dem Zusammengehen bereits u. a. die Leipziger
Firmen Hartmann, Zander, Mittler, Weigel, Naumann, Hoffmann und Staackmann erworben, dazu die
Firmen Koch und Oetinger in Stuttgart sowie Hofmann & Co. und Bachmann in Berlin. Koehler,
gegründet 1789, brachte u. a. Fries, Schultze und Steinacker in Leipzig sowie Neff in
Stuttgart mit. Jede dieser Firmen hatte im Laufe ihrer Tätigkeit selbst mehrere Kommissionsgeschäfte
übernommen. Ergänzt wurde die Mächtigkeit des Unternehmens durch die Angliederung
von zum Teil bedeutenden Verlagen sowie Buchbindereien und Betrieben der Druckindustrie. Im
Jahre 1930 wurde die Offizin Haag-Drugulin A.G. vollständig in den Besitz von Koehler
& Volckmar übernommen.
Die Jahrhundertwende war die Zeit des Massenbuches", vertrieben nicht nur durch Sortimentshandlungen, sondern zunehmend auch durch Buchgemeinschaften oder den sogenannten Kolportagebuchhandel. Wenn der Kunde nicht zum Buch kommt, so hieß dessen Devise, dann muß das Buch zum Kunden kommen. Zwar prinzipiell alle Genres umfassend, bildeten Werke der seichten Unterhaltung doch bald einen Schwerpunkt dieser Handlungsart, ein Umstand, der zahlreiche seriöse" Buchhandlungen zu heftigen Angriffen veranlaßte.
Ein Gegengewicht zur inhaltlich wie gestalterisch wenig
anspruchsvollen Massenproduktion versuchten die Protagonisten eines Kulturbuches"zu
schaffen. Mit viel Engagement waren einige Verleger und Drucker um das gute Buch"
bemüht. Obwohl die Zentren der Bewegung Berlin und München waren, wirkten auch in
Leipzig einige der bedeutenden Kulturbuchhersteller dieser Zeit. Schon vor der Jahrhundertwende,
im September 1896, etablierte Eugen Diederichs eine Verlagsbuchhandlung, die sich, so seine
Gründungsanzeige im Börsenblatt, mit guter Ausstattung Moderne(n) Bestrebungen
auf dem Gebiet der Litteratur, Sozialwissenschaft und Theosophie" widmen werde.(71) Diederichs verließ Leipzig
Anfang des 20. Jahrhunderts, ein anderes Unternehmen übersiedelte hierher: der Insel-Verlag.
Unter Anton Kippenberg gelang es dem Insel-Verlag, hohe inhaltlich-ästhetische Ansprüche
mit dem Wunsch nach dennoch preiswerten Ausgaben zu verbinden. Die Qualitätsdrucke der
Offizinen Drugulin, Poeschel & Trepte sowie Spamer, die Insel vornehmlich beauftragte,
boten dafür beste Voraussetzungen. Mit den Verlagen Rowohlt, Julius Zeitler und Kurt Wolff
agierten weitere Vertreter der Buchkunstbewegung zumindest zeitweise in der Messestadt. Die
Leipziger Janus-Presse", betrieben von Carl Ernst Poeschel und Walter Tiemann (ab
1920 Direktor der Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe), erwarb sich einen
Ruf für hervorragende Liebhaberdrucke mit eigener Schrift-Type, hochwertigem Papier und
sorgfältig gestalteten Einbänden - freilich meist zu elitären Preisen. Die Pleißestadt
konnte zwar nicht das weltstädtisch-intellektuelle Flair der Metropole an der Spree bieten,
dafür aber eine solide Druckkunst auf hohem Niveau. Die Leipziger Schule drucktechnischer
und buchkünstlerischer Ausbildung war gerade in diesen ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts
weit über die deutschen Grenzen hinaus berühmt. Die 1914 ins Leben gerufene Internationale
Ausstellung für Buchgewerbe und Graphik (Bugra) war eine Leistungsschau des gesamten Buchgewerbes,
hatte aber eine Abteilung speziell der Buchkunst gewidmet. Diesen Teil in den Mittelpunkt zu
stellen war das Konzeptes des Kreises um Hugo Steiner-Prag, das in der Internationalen Buchkunst-Ausstellung
(IBA) von 1927 seine Umsetzung fand.
Durch das enorme Ansteigen der Beschäftigtenzahlen im Leipziger Buchgewerbe ergaben sich Spannungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Die Arbeitsbedingungen sowie Lohn- und Sozialleistungen einerseits, die Gefährdung von Arbeitsplätzen durch Rationalisierung andererseits bildeten die Reibungspunkte in den Auseinandersetzungen. In den Druckereien gab es aufgrund des Arbeitsumfeldes und der gegenüber dem Buchhandel weitaus höheren betrieblichen Beschäftigtenzahlen schon sehr früh Arbeitskämpfe. Im September 1830 konnte Brockhaus eine Revolte seiner Buchdruckergesellen nur dadurch beschwichtigen, daß er versprach, vorläufig auf die Anschaffung weiterer Schnellpressen zu verzichten. Weniger glimpflich verlief das Aufbegehren Leipziger Drucker im Frühjahr 1865. Beginnend bei Breitkopf & Härtel forderten etwa 800 Arbeiter aus 34 Betrieben in einem neunwöchigen Streikkampf verbesserte Tariflöhne. Am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts folgte eine zunehmende gewerkschaftlich orientierte Organisierung der Arbeitnehmer in Buchdruck und -binderei. Anders verhielt es sich lange Zeit innerhalb des Buchhandels. Obwohl auch hier immer wieder Klagen laut wurden, die die schlechte Bezahlung der Buchhandlungsgehilfen anprangerten, kam es kaum zu nennenswerten Aktionen. Der Grund hierfür lag sicherlich in der geringen Angestelltenzahl pro Unternehmen. Im 20. Jahrhundert jedoch kam es auch hier zu Streikkämpfen. Unter dem Eindruck von Weltkrieg und den anschließenden revolutionären Bewegungen wurden Lohnerhöhungen und Kürzungen der Arbeitszeit gefordert, denn: Die Leipziger Buchhandlungsangestellten gehörten so ziemlich zu den am schlechtest bezahlten Angestellten überhaupt. Seit Jahren schon speiste man sie mit den jammervollsten Gehältern ab. Trotzdem rührten sie sich nicht, sondern versuchten schlecht und recht durchs Leben zu wandern." Selbst ein solches bescheidenes Leben sei nur möglich, weil die Buchhandlungsangestellten es fertig brachten, ihren letzten Notpfennig zu opfern, weil sie sich nicht scheuten, nach Schluß der Geschäftszeit noch einen Nebenberuf zu suchen. Und so treffen wir tatsächlich die Kollegen als Portier im Kino und Theater, als Pianisten, Humoristen, Tanzordner, Aushilfskellner in ihren freien Abendstunden wieder!"(72)
Die wirtschaftliche Krisenlage führte Anfang der 20er Jahre auch im Buchgewerbe zu massiven Problemen. Die Bindung der Ladenpreise konnte angesichts der Inflation natürlich nicht aufrecht erhalten werden. Der Börsenverein versuchte zwar deren völlige Freigabe durch die Einführung von Teuerungszuschlägen" zu verhindern, konnte jedoch kaum mit dem Tempo des Währungsverfalls mithalten. Illustriert werden kann diese Entwicklung durch den Preis der Bändchen von Reclams Universalbibliothek, die noch im Jahre 1917 für 20 Pfennig zu haben waren, gegen Ende der Inflation aber 330 Milliarden Papiermark kosteten.(73)
Erstaunlich ist, daß die allgemeine Wirtschaftslage
nicht zu einem übermäßigen Einbruch der Firmenzahlen führte; die Konkursmeldungen
hielten sich in Grenzen. Zu beachten ist aber, daß die bloße Existenz einer Firma
kaum Schlüsse auf deren ökonomischen Zustand erlaubt. Das Leipziger Adreßbuch
von 1930 führt insgesamt 1.096 Buchhandlungen, -bindereien und -druckereien auf. Mit dem
Buchhandel befaßten sich zu diesem Zeitpunkt 717 Firmen, darunter 436 Verlage, 69 Kommissionsbuchhandlungen,
138 Sortimentsbuchhandlungen, 56 Antiquariate, 9 Kolportage-, 37 Reise-, und 47 Versandbuchhandlungen.
Dominierend waren reine Spezialisierungen, vor allem beim Verlag, bei dem 379 (87%) diesen
ausschließlich ausübten. Von den Sortimentsbuchhandlungen betrieben 26 (19%) auch
einen Verlagsteil und 16 (12%) auch ein Antiquariat. Buchdruckereien gab es zu diesem Zeitpunkt
in Leipzig 277 mit etwa 25.000 Beschäftigten und 136 Buchbindereien mit etwa 7.000 Beschäftigten.(74) Von den Buchbindereien bezeichneten
sich 37 als Großbuchbindereien". Die Vereinigung von Buchbinderei und Buchdruckerei
in einer Firma gab es 13 mal, in 12 Fällen gab es eine unmittelbare Verbindung von Buchherstellung
und Buchhandel. Das vielseitigste Unternehmen des Leipziger Buchgewerbes war F. A. Brockhaus,
dessen Namen für Verlag, Kommissionsgeschäft, Sortiment, Antiquariat sowie verschiedene
Abteilungen der Buchherstellung einschließlich Buchbinderei stand.
Die Machtergreifung des Nationalsozialismus im Jahre 1933 markiert für das Leipziger Buchgewerbe den Beginn einer unrühmlichen Phase, deren Folgen letztlich zu einem irreparablen Substanz- und Funktionsverlust führten.
Gerade der Börsenverein, der während des 19. Jahrhunderts so beharrlich für die Freiheit der Presse eingetreten war, der seine liberale Grundhaltung auch dadurch dokumentiert hatte, daß er von 1855 bis 1860 mit Moritz Veit einen jüdischen Unternehmer in das Vorsteheramt berief, gerade dieser zentrale Branchenverein bekannte sich kurz nach der Wahl Hitlers demonstrativ zu dessen Politik. Die am 14. Mai 1933 im Leipziger Buchhändlerhaus durchgeführte 108. Hauptversammlung des Börsenvereins übersandte eine Grußadresse an den neuen Reichskanzler: Dem zielbewußten Führer der nationalen Erhebung und großen Baumeister des des neuen Deutschland sendet die Kantateversammlung des deutschen Gesamtbuchhandels Gruß und Dank. Rückhaltlos stellt sich der deutsche Buchhändler in den Dienst der großen Aufgabe, die ihm bei der Erneuerung der Nation zufällt."(75) Daß dies keine bloßen Floskeln waren, hatte der Gesamtvorstand des Börsenvereins, zu dem namhafte Buchhändler auch des Leipziger Buchhandels gehörten, bereits am 11. Mai dieses Jahres unter Beweis gestellt. Zwar gab es in der Messestadt keine große öffentliche Bücherverbrennung wie in anderen deutschen Städten,(76) die geistige Brandstiftung jedoch, die von wichtigen Teilen des deutschen Buchhandels mitgetragen und unterstützt wurde, war in seinen Wirkungen zweifellos nachhaltiger. In einer offiziellen Bekanntmachung, die unter anderem als Sonderabdruck des Börsenblattes verbreitet wurde, publizierte der Börsenvorstand eine Liste von Schriftstellern, die für das deutsche Ansehen als schädigend zu erachten" seien und vom Buchhandel nicht weiter verbreitet" werden sollten,(77) darunter Lion Feuchtwanger, Egon Erwin Kisch, Heinrich Mann, Erich Maria Remarque, Kurt Tucholsky und Arnold Zweig.
Von der nationalsozialistischen Politik erhofften sich offensichtlich einige buchhändlerische Kreise ökonomische Vorteile. Der Hauptschriftleiter des Börsenblattes analysierte im März 1933 die Wirtschaftslage und zeigte sich überzeugt, daß nun, in Einklang mit der Staatspolitik, ein Aufschwung möglich sei.(78) Bereits im April verabschiedete der Börsenvorstand ein Sofortprogramm", das in zehn Punkten mit Hilfe staatlicher Eingriffe auf den Schutz des etablierten Buchhandels vor branchenexterner Konkurrenz abzielte. Schon in dieser frühen Phase übernahm der Börsenvorstand auch die Rassendoktrin der neuen Machthaber: In der Judenfrage vertraut sich der Vorstand der Führung der Reichsregierung an. Ihre Anordnungen wird er für seinen Einflußbereich ohne Vorbehalt durchführen."(79) Nach der Eingliederung des Börsenvereins in die Reichsschrifttumskammer zum 15. November 1933 gab es praktisch keinen eigenen Handlungsspielraum mehr für die in Leipzig ansässige Branchenorganisation, zumindest nicht in wichtigen Fragen. Von Berlin aus wurde nun die Säuberungspolitik" im Buchgewerbe gesteuert, in deren Folge etwa 20 Leipziger Firmen arisiert" wurden. Der berühmte Musikalienverlag C. F. Peters, seit 1900 unter der Leitung von Henri Hinrichsen, wurde wie viele andere jüdische Unternehmen Opfer der sogenannten Kristallnacht": In den frühen Morgenstunden des 10. November 1938 dringt eine Gruppe von zehn, zwölf SA-Leuten in die Talstraße 10 ein. Sie verwüsten die Geschäftsräume im Erdgeschoß des Verlags, brechen die Tür der Hinrichsschen Wohnung in der ersten Etage auf (Hinrichsen selbst befand sich zu dieser Zeit mit seiner Familie im Urlaub) und plündern im Ladentrakt Lindenstraße. Auf dem Verlagshof werden Noten von Mendelssohn-Bartholdy verbrannt. Als Hinrichsen nach Leipzig zurückkehrt, liegt bereits der schriftliche Bescheid des Goebbels-Propaganda-Ministeriums mit dem Berufsverbot für den Verleger vor."(80) Wenig später erfolgte die Zwangsübergabe an einen Treuhänder".(81) Henri Hinrichsen wurde am 17. September 1942 im KZ Auschwitz ermordet.
Als im Jahre 1940 die 5. Säkularfeier der Erfindung des Buchdrucks begangen wurde, mußte nationalsozialistische Propaganda die ideologisch und rassistisch motivierte Ausgrenzung und Ausschaltung früherer Kollegen und dessen Produkte bzw. Handelswaren rechtfertigen. Sie tat dies jetzt auch mit Blick auf den im Jahr zuvor begonnenen Krieg. Für Leipzigs Buchgewerbe machte sich der Krieg zunächst dadurch bemerkbar, daß Beschäftigte zum Arbeits- und Wehrdienst einberufen wurden und daß mehr und mehr auch Kontingentierungen die Buchproduktion beeinträchtigten. An wehr- und kriegswissenschaftlicher Literatur" konnte freilich weiterhin verdient werden, auch blieben einige Betriebe der Druckindustrie, die etwa im kartografischen Bereich Aufträge erhielten, von den sonst üblichen Reglementierungen vorerst verschont.
Die Katastrophe brach im Jahre 1943 herein; es waren nicht
nur Verwundungen, die durch die alliierten Luftangriffe speziell dem Graphischen Viertel zugefügt
wurden. Am schwersten wurde die Stadt in der Nacht vom 3. zum 4. Dezember dieses Jahres getroffen.
Durch den Bombenkrieg wurden etwa 80% der Gebäude und Straßen des Leipziger Buchgewerbes
zerstört, mit ihnen riesige Bücher- und Papierbestände, unzählige Maschinen
und Transportfahrzeuge. Insgesamt sind etwa 50 Millionen Bücher verbrannt.(82)
Ein in die USA emigrierter deutscher Wissenschaftler schrieb angesichts der Verluste an Schätzen
der Buchkultur durch die Luftangriffe in der amerikanischen Buchhandelszeitschrift Publishers
Weekly": Die Zerstörung von Leipzig kann nur mit dem Brand der Bibliothek von
Alexandrien verglichen werden."(83)
Fast vollständige Zerstörungen erlitten die Firmen F. A. Brockhaus, B. G. Teubner,
Spamer, Giesecke & Devrient. Etwas weniger betroffen waren u. a. Haag-Drugulin, Sperling,
Reclam und Fikentscher.
Das Ende des Krieges im Frühjahr 1945 ließ die Buchstadt Leipzig, bzw. das, was von ihr noch übrig war, zum Interessensobjekt der Siegermächte werden. Als die amerikanischen Truppen am 16. April begannen, die Pleißestadt zu besetzen, war ihnen aufgrund des Krimabkommens vom September 1944 klar, dass ihre Präsenz nur ein Intermezzo von wenigen Wochen sein würde. Für die Politik der Amerikaner dem Leipziger Buchgewerbe gegenüber hatte diese Perspektive entsprechende Folgen. Herstellung und Vertrieb jeglicher Publikationen blieb fast ausnahmslos verboten. Es bestand keinerlei Anlaß, das Buchgewerbe irgendwie funktionierend der sowjetischen Armee zu überlassen. Im Gegenteil: Ziel war es, wichtige Verlags- und Organisationsstrukturen mit in die künftig eigene Besatzungszone, namentlich nach Frankfurt am Main und Wiesbaden, zu überführen. Die überaus diskret und zügig durchgeführte Aktion"(84) stand unter Leitung von Major Douglas Waples, im zivilen Leben Professor an der Library School der University of Chicago. Waples, der Leipzig von einem Besuch in Vorkriegszeiten kannte, hatte den Auftrag, führende Firmen und die Geschäftsleitung des Börsenvereins abzuziehen. Gezielt wurden einzelne Unternehmer darüber informiert, daß der Einmarsch der Roten Armee kurz bevor stünde, von amerikanischer Seite aber die Gelegenheit geboten werde, mit Familienangehörigen und einigem Gepäck in den Westen überzusiedeln. Die Ereignisse der folgenden Tage überstürzten sich, die Zeit drängte. Waples wollte für Transportmöglichkeiten sorgen, versprach für Kapitalverlagerung militärische Unterstützung, drängte darauf, nur die nötigsten Unterlagen zusammenzustellen."(85) Am 12. Juni schließlich verließ ein Konvoi mit den Inhabern der Verlage F. A. Brockhaus, Georg Thieme, Dieterich und Insel sowie des Kommissionsgeschäftes C. F. Fleischer die Stadt: Insgesamt waren es, mit Familienangehörigen, etwa 20 Personen, die am 12. Juni vormittags über die Reichsautobahn gen Westen fuhren und um Mitternacht in Wiesbaden ankamen."(86) Breitkopf & Härtel, ursprünglich nicht berücksichtigt, erreichte einen Wegzugstermin am 19. Juni.
Kurz darauf verließen die amerikanischen Truppen Leipzig, und es war für die Gebliebenen ungewiß, was die Zukunft bringen würde. Schon vor Abzug der Amerikaner konstituierte sich der Antifaschistische Block Leipzig, dem u. a. Fritz Selbmann und Erich Zeigner angehörten. Die Hoffnungen des Antifa-Blocks" weitgehend eigenständig auf Handel und Gewerbe der Stadt einwirken zu können, erwiesen sich allerdings als voreilig. Immerhin aber gelang es Zeigner im Frühjahr 1946, inzwischen Oberbürgermeister von Leipzig, bei der SMAD die Erlaubnis zur Wiederaufnahme der Tätigkeit des Börsenvereins zu beschleunigen. Erster Vorsteher wurde Ernst Reclam, der im Jahr zuvor das Angebot der Amerikaner zur Übersiedlung abgelehnt hatte. Nur eineinhalb währte jedoch die Amtszeit Reclams, bis zu dessen Rücktritt im Januar 1948.
Anders als die amerikanische war die sowjetische Besatzungsmacht an einer schnellen Wiederbelebung des Leipziger Buchgewerbes interessiert. Zwar wurden zahlreiche der noch funktionstüchtigen Maschinen als Reparationsleistungen demontiert, im übrigen aber verzeichneten sowohl Druckereien als auch Großbuchbindereien zum Teil enorme Produktionssteigerungen. Nahezu alleiniger Auftraggeber war die Sowjetische Militäradministration, Grundlage ebenfalls Reparationsleistungen. Zur Organisation und Überwachung der Reparationsleistungen wurde im Juli 1949 die Auftragszentrale für die graphische Industrie" (AZ) gegründet. Das Leipziger Adreßbuch dieses Jahres verzeichnet über 200 Buchdruckereien und -bindereien. Bei den Verlagen wurden viele mit der Einschränkung aufgeführt, daß sie zur Zeit noch keine Lizenz erhalten hätten. Die SMAD verfolgte die Strategie, nach und nach auch einigen Privatverlagen die Wiederaufnahme ihrer Tätigkeit zu gestatten. Bis Anfang 1948 erhielten 37 Firmen eine entsprechende Lizenz.(87) Andere Unternehmen, darunter jene, dessen Inhaber sich dem Westkonvoi" angeschlossen hatten, wurden entweder schon 1946 oder später in der Zuständigkeit von DDR-Behörden enteignet. Die bewährten Firmennamen wurden jedoch zumeist weitergeführt, ein Umstand, der zu langwierigen Rechtstreitigkeiten mit den übergesiedelten Firmen in Westdeutschland führte. Weitere Unternehmer gingen in Westen, zunehmend aber auch angestellte Fachkräfte, deren solide Ausbildung von den dortigen Geschäftsführern geschätzt wurde.
Auch für jene, die an einen Wiederaufbau der Buchstadt Leipzig mit seiner traditionellen Zentralfunktion für ganz Deutschland geglaubt hatten, wurde die politische und wirtschaftliche Teilung bald zur schmerzlichen Gewißheit. Die Währungsreform im Sommer 1948 und die Staatsgründung ein gutes Jahr darauf waren deutliche Zeichen in diese Richtung. Dennoch ging es spürbar voran: Schon seit 1946 erschien das Leipziger Börsenblatt wieder, im Mai dieses Jahres beteiligte sich die Buchbranche an der ersten Friedensmesse", im Herbst gab es eine Buchmesse im Hansahaus. Vom 4. bis 9. März 1947 fand mit einer Beteiligung von 80 Ausstellern von Maschinen, Farben und buchgewerblichen Materialien die erste Nachkriegs-Bugra auf dem Gelände der technischen Messe statt.(88)
Im Verlagsbereich agierten neben nun volkseigenen" und lizenzierten privaten Firmen auch Neugründungen, so ab Juli 1946 der Verlag für die Frau" und im Januar 1949 der Fachbuchverlag". Aus dem Kommissionsgiganten Koehler & Volckmar wurde im Juni 1946 der Leipziger Kommissions- und Großbuchhandel" (LKG), in der Folge monopolisierter Zwischenbuchhandel für die DDR. Im Oktober 1949 übernahm das neugegründete Buchhaus Leipzig" die Aufgabe des zentralen Buchversandes. Für die volkseigenen Sortimentsgeschäfte bildete der Volksbuchhandel" die Organisationsstruktur, deren zentrale Verwaltung 1954 in Leipzig ihre Arbeit aufnahm. 1953 wurde die Buch- Export und -Import GmbH" gegründet, später als Buchexport" zentraler Außenhandelsbetrieb der Branche. 1959 übernahm das Zentralantiquariat" große historische Buchbestände. Zentralisierung wurde überhaupt zum entscheidenden Charakteristikum der nächsten Jahrzehnte, sowohl in Bezug auf die Betriebsstrukturen als auch mit Blick auf den Buchmarkt der DDR insgesamt. Einer beispiellosen Ausdünnung der Firmenlandschaft stand die gezielte Konzentration von Betrieben mit zum Teil sehr großen Beschäftigtenzahlen gegenüber. Die 60er und 70er Jahre bildeten in Zusammenhang mit den in allen Wirtschaftsbereichen der DDR forcierten Kombinatsgründungen einen Höhepunkt dieser Entwicklung. Die schon 1954 in Offizin Andersen-Nexö" umbenannte Großdruckerei Haag-Drugulin erhielt nach der Angliederung von C. G. Röder den Status eines Kombinates. Noch riesiger wurde das Kombinat Graphischer Großbetrieb Interdruck", 1966 durch den Zusammenschluß des VEB Grafische Werkstätten" und des Druckhauses Einheit" entstanden, 1970 ergänzt um die Leipziger Großbuchbinderei". Das ehemalige Maschinenbauwerk Krause wurde im Jahre 1971 zum Stammbetrieb des VEB Kombinat Polygraph Werner Lamberz".
Auch der Verlagsbuchhandel Leipzigs stand im Zeichen der sozialistischen Planpolitik. Betriebsgründungen, -schließungen bzw. -zusammenlegungen, Materialausstattungen, Personalentscheidungen (zumindest in den Leitungsebenen) und nicht zuletzt die Verlagsprogramme unterlagen einer engen staatlichen Reglementierung und Kontrolle. So mußte jede Neuerscheinung eines Verlages durch ein Druckgenehmigungsverfahren" in Text, Gestaltung und Auflagenhöhe von zentraler Stelle in Berlin bestätigt werden. Nach Gründung der DDR wurde diese zentrale Stelle innerhalb des Ministeriums für Kultur zunächst durch verschiedene sich ablösende Ämter und Verwaltungen gebildet, ab 1963 schließlich durch die Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel". Obwohl die einzelnen Verlagsleiter ein Gespür für das Machbare zu entwickeln begannen war jedes Buch ein Abenteuer"(89).
Die ideologisch motivierte inhaltliche Begrenzung und oft
ökonomisch erzwungene Einschränkung der literarischen Erzeugnisse bedeutete nicht,
daß das Mögliche von geringer Qualität war - die Buchstadt bewahrte sich seinen
internationalen Ruf als Produktionsstätte hochwertiger Druckerzeugnisse. Präsentiert
wurden sie unter anderem auf der Leipziger Buchmesse (seit 1963 im Messehaus am Markt), die
ab 1973 jährlich im Frühjahr veranstaltet wurde. Die internationale Beteiligung,
auch von Verlagen aus der BRD, ließ die Buchmesse darüber hinaus für DDR-Besucher
zu einem Schaufenster in den Westen" werden. Sie bot die umfassendste Möglichkeit
zur Information über die westliche Verlagsproduktion: einerseits in Gestalt der ausgestellten
Bücher, die man am Messestand in die Hand nehmen, durchblättern und bei genügend
Stehvermögen sogar von bis hinten durchlesen (oder gar abschreiben) konnte, andererseits
in Form der freigiebig verteilten Verlagskataloge, die in aller Regel die gesamte lieferbare
Produktion auflisteten und damit einen beeindruckenden, allerdings auch deprimierenden Überblick
über all jene Bücher boten, die in der DDR nicht käuflich erworben werden konnten."(90) Mag sein, daß die so gewonnen
Erkenntnisse bei manchem Messebesucher dazu beigetragen haben, sich an den Leipziger Demonstrationen
im Herbst 1989 zu beteiligen.
Die gesellschaftliche Wende" und schließlich die Wiedervereinigung bedeutete für das Buchgewerbe Leipzigs erneut eine grundlegende Zäsur. Bevor jedoch die ganze Tragweite der Veränderungen erahnt werden konnte, machten zunächst die Sortimentsbuchhandlungen eine Erfahrung, die optimistisch stimmen konnte: Man konnte förmlich von den Lieferpaletten verkaufen, so groß war die Nachfrage an westdeutschen Verlagsartikeln - traumhafte Umsätze binnen weniger Stunden. Diese Phase hielt allerdings nicht sehr lange an, sie wich mehr und mehr der Frage, die die gesamte Branche betraf: Wie geht es weiter?
Gemäß Einigungsvertrag begann die Treuhandanstalt im Herbst 1990 mit der Privatisierung volkseigener Betriebe. Die Entflechtung von Kombinatsstrukturen, die Klärung von Eigentumsfragen und das Abwägen unterschiedlichster Konzepte kostete viel Zeit, die aber gerade bei der Umstellung auf die Marktwirtschaft fehlte. Zudem wurde klar, daß die Produktionsleistungen der meisten Betriebe, gemessen an den Beschäftigtenzahlen, bei weitem nicht wettbewerbsfähig waren. Wegbrechende Absatzmöglichkeiten in den osteuropäischen Staaten bewirkten weitere nachhaltige Probleme. Zwar fusionierten einige Leipziger Firmen mit Unternehmen aus den alten Bundesländern, darunter auch mit solchen, die Leipzig nach 1945 verlassen hatten. Häufig allerdings entstanden daraufhin lediglich Zweigstellen mit stark reduzierten Personal- und Produktionszahlen. Ein anderes Modell war, Betriebe bzw. Betriebsteile an ehemalige Mitarbeiter zu übergeben. Der Erfolg dieser Variante war unterschiedlich, in den meisten Fällen ging er aber auch hier einher mit zum Teil drastischen Personalabbau. Ein prominentes Beispiel für das gänzliche Scheitern des Privatisierungsversuchs ist die Hinrichssche Sortimentsbuchhandlung. Im Herbst 1991 - drei Monate nachdem die Angestellten das 200jährige Firmenjubiläum begangen hatten - blieb nur die Liquidation.
Angesichts letztlich der Tatsache, daß Leipzig Mitte der 90er Jahre lediglich Platz 24 in der Rangliste der deutschen Verlagsstandorte einnahm, schien das Fazit eindeutig: Von der Buchstadt Leipzig kann keine Rede mehr sein."(91) Interessant ist allerdings auch ein anderer Befund: Während es am Ende der DDR-Zeit in Leipzig 34 Verlage gab, waren es 1995 bereits 69, im Branchenbuch von 1998 sind es über 100. Auch wenn viele dieser Firmen Kleinstverlage oder Dependancen sind, sie stehen für Vielfalt und einen Präsenzwunsch in Leipzig. Für die Existenz der Buchstadt Leipzig" sprechen aber auch andere Fakten: Mit der Leipziger Buchmesse konnte sich, inzwischen auf dem Neuen Messegelände veranstaltet, eine zweite große Buchmesse in Deutschland behaupten, deren Begleitprogramm Leipzig liest" seit 1992 mit wachsendem Zuspruch einen besonderen Bogen zwischen der Branche und seinen Kunden spannt. Der jährliche Literarische Herbst" ist ein weiteres Ereignis dieser Art. Im Jahre 1996 wurde an jener Stelle, wo einst das Deutsche Buchhändlerhaus stand, das Haus des Buches" eröffnet. Hier befindet sich neben einer Vielzahl von Vereinen, die sich dem Thema Buch" verschrieben haben, auch das Leipziger Büro des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Traditionspflege in Sachen Buchstadt betreiben unter anderem das Deutsche Buch- und Schriftmuseum in der Deutschen Bücherei, der Leipziger Arbeitskreis zur Geschichte des Buchwesens und die Kontaktgruppe Buchhandelsgeschichte. Die Hochschule für Grafik und Buchdruck sowie die Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur bieten nach wie vor hochqualifizierte Ausbildung rund ums Buch; an der Universität Leipzig wurde am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft im Jahre 1995 ein Studiengang Buchwirtschaft/-wissenschaft etabliert.
Eine vom Amt für Wirtschaftsförderung in Auftrag gegebene Studie zum Medienstandort Leipzig ergab dennoch, daß die Buchbranche allein kaum wieder zu einer führenden Position in Deutschland zurückkehren kann. Was folgt daraus? Ein neues Konzept taucht auf, und es scheint zeitgemäß: Leipzig ist eine Medienstadt mit Tradition und Zukunft. Seit Jahrhunderten wird hier gedruckt, gebunden und verlegt. Eine lange Geschichte, die ins neue Jahrtausend fortgeführt wird, mit alten und neuen Medien. Leipzig setzt auf Medienwachstum, die Stadt entwickelt sich zu einem Zentrum der Medienwirtschaft in den neuen Bundesländern."(92) Wendet man den Blick auf das Gesamtfeld der Medienlandschaft (einbezogen u. a. Rundfunk, Fernsehen und Telekommunikation), so zeigt die erwähnte Medienstudie in der Tat, daß in Leipzig im Jahre 1998 mit 33.800 Beschäftigten ca. 12% der Leipziger Beschäftigten in der Medienbranche arbeiteten.(93) Dieser Wert rückt Leipzig durchaus in die Nähe der in Deutschland führenden Medienstandorte.
Das Konzept der Medienstadt", in der das Buch seinen Platz behält, könnte ein vielversprechender Weg für das neue Jahrtausend sein.
1. Vgl. Fritz Funke, Buchkunde, München u. a. 1992, S. 65.
2. Brockhaus Konversations-Lexikon, 14. Auflage (1901), Bd. 3, S. 604.
3. Dietmar Debes, Acht Jahrhunderte Buchwerkstatt Leipzig, Leipzig 1965, S. 8.
4. Albrecht Kirchhoff, Die Entwicklung des Buchhandels in Leipzig bis in das zweite Jahrzehnt nach Einführung der Reformation, Leipzig 1885, S. 5.
5. Vgl. Ernst Kroker, Die Anfänge des Buchbinderhandwerks in Leipzig, in: Zeitschrift für Buchkunde, Jg. 1, Leipzig 1924, S. 83.
6. Carl B. Lorck, Handbuch der Geschichte der Buchdruckerkunst, Leipzig 1882, S. 53.
7. Vgl. u. a. Ursula Altmann, Die Anfänge des Buchdrucks in Leipzig, in: Karl Czok (Hg.), 500 Jahre Buchstadt Leipzig, Leipzig 1981, S. 14.
8. So u.a. G. A. E. Bogeng, Geschichte der Buchdruckerkunst, Dresden 1930, S. 350; Hans Lülfing, Leipziger Frühdrucker, Leipzig 1959, S. 3; Debes (Anm. 3), S. 8; Ferdinand Geldner, Die deutschen Inkunalbeldrucker: ein Handbuch der deutschen Buchdrucker des XV. Jahrhunderts nach Druckorten, Stuttgart 1968, Bd. 1, S. 241; Altmann (Anm. 7), S. 14; Funke (Anm. 1), S. 125; Auch in der vor wenigen Jahren eröffneten ständigen Ausstellung des Deutschen Buch- und Schriftmuseums Leipzig sieht man das Jahr 1481 als Anfang Leipziger Drucktätigkeit, vgl. Ausstellungskatalog (Redaktion Lothar Poethe und Hannelore Schneiderheinze), Leipzig 1997, S. 6.
9. Vgl. u. a. Carl B. Lorck, Die Druckkunst und der Buchhandel in Leipzig durch vier Jahrhunderte, Leipzig 1879, S. 4.
10. Vgl. Gustav Wustmann, Die Anfänge des Leipziger Bücherwesens. Zur vierten Säcularfeier der Einführung des Buchdruckes in Leipzig (Separatabdruck aus dem Archiv für Geschichte des Deutschen Buchandels), Leipzig 1879, S. 7-11.
12. Stadtarchiv Leipzig, Ratsbuch, Bd. 1 (1466-1489), Bl.. 33/34. Die Entdeckung dieses Eintrags ist Henning Steinführer zu verdanken, der derzeit mit der Edition des Ratsbuches beschäftigt ist. Vgl.: ders., Die Edition der ältesten erhaltenen Leipziger Ratsbücher (1466-1500). Ein aktuelles Forschungsprojekt zur sächsischen Städtegeschichte im Spätmittelalter, in: Neues Archiv für sächsische Geschichte, 69, Weimar 1998, S. 245-250.
13. Hermann Barge, Geschichte der Buchdruckerkunst von ihren Anfängen bis zur Gegenwart, Leipzig 1940, S. 86.
15. Gustav Wustmann, auf der Suche nach dem Besitzer jener Offizin, in der der erwähnte Langnickel als Geselle arbeitete, hält jede andere Schlußfolgerung für unwahrscheinlich: Ist es wohl glaublich, daß Kachelofen 1476 auf ein anderes Gewerbe hin das Leipziger Bürgerrecht erworben habe und erst 1485 zur Druckerei übergegangen sei?", Gustav Wustmann, Anfänge (Anm. 10), S. 22.
16. Vgl. Lülfing (Anm. 8), S. 18.
17. Vgl. Wustmann (Anm. 10), S. 17.
19. Hartmut Zwahr, Gestaltwandel der Leipziger Messen, in: ders./Thomas Topfstedt/Günter Bentele (Hg.), Leipzigs Messen 1497-1997. Gestaltwandel - Umbrüche - Neubeginn, Köln Weimar Wien 1999, S. 21.
20. Vgl. Altmann (Anm. 8), S. 22.
21. Vgl. F. Geldner, Das Rechnungsbuch des Speyrer Druckherrn, Verlegers und großbuchhändlers Peter Drach, in: Archiv für Geschichte des Buchwesens, Bd. 5, Frankfurt am Main 1964, Sp. 1-198 und H. Grimm, Die Buchführer des deutschen Kulturbereichs, in: Archiv für Geschichte des Buchwesens, Bd. 7, Frankfurt am Main 1967, Sp. 1623-1653.
22. Vgl. Altmann (Anm. 8), S. 23.
23. Kirchhoff (Anm. 4), S. 12.
24. Vgl. Kroker (Anm. 5), S. 86.
25. Kirchhoff (Anm. 4), S. 16.
27. Vgl. Lülfing (Anm. 8) , S. 24-26.
28. Vgl. u.a. Alexandra Hildebrand, Ohne Ärgernis rückt die Welt nicht vorwärts..." Literarische Zensur als Gegendruck. Ein Abriß, in: Wolfenbütteler Norizen zur Buchgeschichte, 2/1993/94, S. 113-115.
29. Vgl. Rudolf Schmidt, Deutsche Buchhändler, Deutsche Buchdrucker, Berlin 1902, S. 430.
30. Reinhard Wittmann, Geschichte des deutschen Buchhandels, München 1991, S. 47.
31. Vgl. Dietmar Debes, 500 Jahre Buchdruck und Buchproduktion in Leipzig, in Karl Czok, Buchstadt Leipzig (Anm. 7), S. 26.
32. Vgl. Albrecht Kirchhoff, Die Anfänge der Leipziger Buchdrucker-Innung, in: Archiv für Geschichte des deutschen Buchhandels, bd. 10, Leipzig 1886, S. 130.
33. Vgl. Harry Ness, Der Buchdrucker - Bürger des Handwerks, Wetzlar 1992, S. 209-210.
34. Vgl. Hellmuth Helwig, Das deutsche Buchbinder-Handwerk, Stuttgart 1962, S. 47.
35. Zit. in: Heinrich Kofel, Chronik der Buchbinder-Innung zu Leipzig 1544-1894, Leipzig 1894, S. 9.
36. Sächsisches Hauptstaatsarchiv Dresden, III.1000 (Geheimes Archiv) Loc. 9991.
37. Vgl. Albrecht Kirchhoff, Die Anfänge des Leipziger Meßkatalogs, in: Archiv für Geschichte des deutschen Buchhandels, Bd. 7 (1888) S. 101-122; ders.: Weiteres über die Anfänge des Meßkatalogs, ebd., Bd. 8 (1883), S. 22-27; und ders.: Noch einmal der Leipziger Meßkatalog, ebd., Bd. 10 (1886), S. 248-250.
38. Vgl. Debes (Anm. 31), S. 26.
40. Zit. u.a. in: Friedrich Kapp/Johann Goldfriedrich, Geschichte des Deutschen Buchhandels, Bd. 2, Leipzig 1908, S. 256.
41. Vgl. Wittmann (Anm. 30), S. 85-86.
42. August Schürmann Die Entwickelung des Deutschen Buchhandels zum Stande der Gegenwart, Halle 1880, S. 37.
43. "Er war nicht allein Verleger, sondern auch Freund einer Anzahl der bedeutendsten Geister, z. B. Ernesti, Weiße, Oeser, Ramler, Sulzer, Lavater, Gellert, Wieland u. a., und sein Haus war der regelmäßige Sammelplatz der geistigen Elite Leipzigs." Vgl. Schmidt (Anm. 29), S. 798; zum Verlagsprogramm sowie zur Struktur der Weidmannschen Buchhandlung unter der Leitung Reichs vgl. Mark Lehmstedt, Struktur und Arbeitsweise eines Verlages der deutschen Aufklärung: die Weidmannsche Buchhandlung in Leipzig unter Leitung von Philipp Erasmus Reich, Diss. Leipzig 1990.
44. Vgl.Wittmann (Anm. 30), S. 116.
45. In einem Schreiben vom 12. Juni 1764 an den kursächsischen Administrator Prinz Xaver berichtete Reich mit Verweis auf die in Frankfurt praktizierte despotische Gewalt" gegen den Bücherhandel: In der letzten Ostermesse habe ich und verschiedene andere Fremde von Frankfurt am Main Abschied genommen und die Buchhändler-Messen so zu sagen, daselbst begraben." [Abgedruckt u. a. in: Börsenblatt für den deutschen Buchhandel 6/1845 (21.01.), S. 55-56].
46. Abgedruckt in: Archiv für Geschichte des deutschen Buchhandels, Bd. 7 (1889), S. 224-226.
49. Reinhard Wittmann hat darauf hingewiesen, daß der in der Folgezeit von Reich so intensiv bekämpfte Nachdruck maßgeblich erst als Reaktion auf die von ihm forcierte Nettohandels- und Preispolitik einen Aufschwung nahm, vgl. Reinhard Wittmann, Der gerechtfertigte Nachdrucker?, in: Wolfenbütteler Schriften für Geschichte des Buchwesens, Bd. 4 (1978).
50. Die ebenso erfolgreiche wie bewegte Geschichte bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts dokumentiert eine quellenreiche Gedenkschrift Breitkopf & Härtel", 3 Bde., Wiesbaden 1968.
51. In anderen Staaten, z. B. in England, behauptete sich dagegen auch im Buchhandel das kaufmännische "Ware gegen Geld"-Prinzip; vgl. Thomas Keiderling, Der deutsch-englische Kommissionsbuchhandel über Leipzig von 1800 bis 1875, in: Leipziger Jahrbuch zur Buchgeschichte 6 (1996), S. 212.
52. Abgedruckt in: Organ des Buchhandels, 12/1835 (28.03.), S. 90-91.
53. Der Jenaer Verlagsbuchhändler Friedrich Johann Frommann schilderte die Börse so: Der ganze Saal war mit Tischen gefüllt, jeder mit zwei Stühlen hüben und drüben, auch die Estraden waren gerade breit genug, um jede eine lange Reihe von Tischen aufzunehmen. Beim Eintritt in den Saal durch jene Thüre wandte man sich gleich rechts an das einzige Fenster nach dem Pauliner Hofe zu, an dem der alte Horvath seinen Tisch hatte, und zahlte ihm einen Kronenthaler Eintrittsgeld." [Friedrich Johann Frommann, Geschichte des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler, Leipzig 1875, S. 3].
54. Brief von Benedictus Gotthelf Teubner an Friedrich Arnold Brockhaus vom 24. Februar 1917, Sächsisches Staatsarchiv Leipzig, F. A. Brockhaus, 1, Bl. 22.
55. Das Manuskript der Rede Horvaths befindet sich, wie die meisten übrigen Zeugnisse des Reformversuchs von 1802, im Kummerschen Archiv [Deutsches Buch- und Schriftmuseum Leipzig, Bö H 67, K3, Konv. 26, Dok. 2-3].
56. Sie befinden sich im Kummerschen Archiv" des Deutschen Buch- und Schriftmuseums Leipzig.
57. Georg Joachim Göschen, Meine Gedanken über den Buchhandel und über dessen Mängel, meine wenigen Erfahrungen und meine unmaßgeblichen Vorschläge dieselben zu verbessern, Leipzig 1802, S. 35; eine Biographie Göschens ist beim Sax-Verlag erschienen: Eberhard Zänker, Georg Joachim Göschen, Buchhändler - Drucker - Verleger - Schriftsteller. Ein Leben in Leipzig und Grimma-Hohnstädt, Beucha 1996.
59. Zur Industrialisierung der Buchherstellung vgl. u.a. Funke (Anm. 1), S. 189-217; zum typographischen Maßsystem speziell S. 193-194.
62. Die folgenden Angaben basieren auf Auswertungen des Leipziger Adreßbuches von 1868, des Adreßbuches für den deutschen Buchhandel von 1869, des Hinrichsschen Bücherverzeichnisses sowie statistischer Angaben aus dem Börsenblatt für den deutschen Buchhandel, speziell Nr. 166/1869 (21.07.), S. 2285-2288. Eine ausführliche Liste buchgewerblicher Firmen nach dem Leipziger Adreßbuch von 1868 befindet sich im Anhang.
63. Um so erwähnenswerter ist daher der Aufsatz von Thomas Keiderling, Der Leipziger Markthelfer ist eine Nummer für sich", in: Leipziger Blätter 32, Frühjahr 1998, S. 18-20.
64. Organ des Berliner Buchhandels, 32/1840 (08.11.), S. 249.
65. Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel 100/1875 (03.05.), S. 1540.
66. Zur Entwicklung des Kommissionsbuchhandels im 19. Jahrhundert vgl. Thomas Keiderling, Die Modernisierung des Leipziger Kommissionsbuchhandels von 1830 bis 1888, Berlin 1999.
67. Börsenblatt für den deutschen Buchhandel 166/1869 (21.07.), S. 2285-2286.
68. Vgl. Volker Titel, Das Wort erwuchs zur Tat. Aus der Frühgeschichte des Börsenvereins der deutschen Buchhändler, Beucha 1995.
69. Nach dem Hinrichs'schen Verzeichnis, Erhebung der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel.
70. Lt. Adreßbücher für den deutschen Buchhandel dieser Jahre.
71. Zitiert in: Silke Mentzel, Konkurse, Krisen, Konjunktur. Alltag im Leipziger Buchhandel oder Wie ein Vater seine eigene Firma zurückkaufte, in: Kontaktgruppe Buchhandelsgeschichte (Hg.), Leipzig 1896 - Momentaufnahmen einer Buchhandelsstadt, Beucha 1996.
72. Arno Kapp, Streik der Angestellten im Leipziger Buchhandel, Leipzig (Selbstverlag) 1919, S. 7-8.
73. Vgl. Wittmann (Anm. 30), S. 331.
74. Beschäftigtenzahlen nach Wisso Weiß, Zeittafel zur Papiergeschichte, Leipzig 1983, S. 477.
75. Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel 112/1933 (16.05.), S. 350.
76. Der Hauptgrund hierfür liegt möglicherweise in der internationalen Be(ob)achtung, die Leipzig während der Messezeit erfuhr. In kleinerem Umfang hat es dennoch eine Bücherverbrennung auch in Leipzig gegeben, als am 2. Mai die sozialdemokartische und gewerkschaftliche Bibliothek im Volkshaus" gestürmt und Teile daraus im Hof des Gebäudes verbrannt wurden.
77. Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel 110/1933 (13.05.), Sonderabdruck.
78. Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel 100/1933 (14.03.), S. 183.
79. Zitiert in: Jan-Pieter Barbian, Von der Selbstanpassung zur nationalsozialistischen »Gleichschaltung«, in: Buchhandelsgeschichte 2/1993, S. B43.
80. Norbert Molkenbuhr, Weltfirma maßgeblich geprägt. Zum Wirken zweier jüdischer Verleger in der Edition Peters, in: Börsenblatt für den deutschen Buchhandel 46/1988 (Leipziger Ausgabe), S. 843.
81. Vgl. Irene Lawford-Hinrichsen/Norbert Molkenbur, C. F. Peters - ein deutscher Musikverlag im Leipziger Kulturleben. Zum Wirken von Max Abraham und Henri Hinrichsen, in: Judaica Lipsiensia. Zur Geschichte der Juden in Leipzig, Leipzig 1994, S. 104-105.
82. Vgl. Reimar Riese, Die Zerstörung des Buchhändler- und Buchgewerbeviertels im Zweiten Weltkrieg, in: Andreas Herzog (Hg.), Literarisches Leipzig, Leipzig 1995, S. 296.
83. Zitiert in: Heinz Sarkowski, Von Ost nach West, in: Neuanfang 1945, Sondernummer des Börsenblattes für den deutschen Buchhandel, Frankfurt 1995, S. 8.
84. Thomas Bille, Buchstadt ohne Filetsücke?, in: Neuanfang (Anm. 83), S. 36.
85. Christian Staehr, Spurensuche [Verlagsgeschichte Georg Thieme], Stuttgart 1986, S. 86.
86. Sarkowski (Anm. 83), S. 9.
87. Vgl. Poethe/Schneiderheinze (wie Anm. 8), S. 22.
88. Vgl. Lothar Poethe, Buch und Industrie in Leipzig, in: Neuanfang (Anm. 83), S. 68.
89. Dies ist auch der sprechende Titel einer Studie über die Verlagspolitik in der frühen DDR: Simone Barck/Martina Langermann/Siegfried Lokatis, Jedes Buch ein Abenteuer": Zensur-System und literarische Öffentlichkeiten in der DDR bis Ende der sechziger Jahre, Berlin 1997.
90. Mark Lehmstedt, Im Dickicht hinter der Mauer - der Leser, in: ders. u. Siegfried Lokatis, Das Loch in der Mauer: der innerdeutsche Literaturaustausch (Veröffentlichungen des Leipziger Arbeitskreises zur Geschichte des Buchwesens: Schriften und Zeugnisse zur Buchgeschichte, Band 10), Leipzig 1997, S. 354.
91. Leipziger Volkszeitung, 04.08.1995.
92. Stadt Leipzig, Amt für Wirtschaftsförderung, Leipzig - Medienstadt, Leipzig 1998, S. 1. 93. Vgl. Günter Bentele u. a., Medienstandort II. Eine Studie zur Leipziger Medienwirtschaft, Leipzig 1998, S. 67 .